Alles orange?

Zwei Bücher, zwei Frauen, zwei Leben, zwei Frauenleben – nicht in lila, nicht in rosa, nein in orange!

Beide Bücher hatten mich über das Cover angesprochen. Es war die Farbgebung, die mich verleitete zunächst zu glauben, es handelt sich um identische Buchumschläge. Sagt man das überhaupt noch: Buchumschlag?
Wie auch immer, beide Bücher ähneln sich nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich. Die Autorinnen Petra Morsbach und Verena Boos, die mir bisher nur wenig bekannt waren, haben – jede in ihrem Buch – ein Frauenbild gezeichnet, auch ein gesellschaftliches Frauenbildnis nachgesprüt, das befremdlich auf mich wirkt. Das ist auch der Grund für diese Doppel-Besprechung.

So unterschiedlich die Thematik vordergründig erscheinen mag, so überraschend ähnlich sind die Lebensläufe dieser beiden Frauen:  Hanna und Thirza.

Petra Morsbach hat im „Justizpalast“ tief in das Beamtenleben von Justiziaren, von Menschen, die über Recht und Unrecht, Gut und Böse (juristisch betrachtet), hineingeblickt. Sie hat sich der Richter und Richterinnen, der Anwälte angenommen, die tagaus, tagein, rational irrationalem logischen Denken verpflichtet sind. Aber, wie ist das „private“ Leben dieser sehr rational und logisch denkenden Menschen im Justizpalast? Darum, und im Besonderen, um das Leben der Richterin Thirza Zorniger geht es in Morsbach Buch „Justizpalast“, Anfang 2017 im Münchner Knaus Verlag erschienen.


Verena Boos‘ , „Kirchberg“, erschien ebenfalls  2017, im Berliner Aufbau Verlag. Sie beschreibt, nein, sie erzählt über Hanna von Glockstein und führt in die Familiengeschichte,  in die Kriegs- und Nachkriegsjahre eines Dorfes zurück, aber auch in die Jetztzeit und wagt sogar einen Ausblick in die Zukunft. Als Hanna schwer erkrankt steht sie eigentlich noch inmitten ihres –  fast möchte ich sagen, unvollendeten Lebens. Sie überlebt knapp einen Schlaganfall. Die Krankheit zerstört alles, was ihr Sein bestimmt: das Sprachvermögen. Als Literatur- und Sprachwissenschaftlerin hat sie ihr Lebenszentrum verloren. Gekennzeichnet von der Krankheit, sprachlos, aber im Vollbesitz der kognitiven Kräfte, kehrt Hannah zurück nach Hause, in das Dorf, in das Haus ihrer Großeltern in dem sie aufgewachsen ist und wo sie sterben wird. Aber sie kehrt auch zu jenen Menschen zurück, die sie einst auf ihre besondere Art und Weise ablehnte, die sie nich als ebenbürtig ansah.


Beide Romane werden in Rückblenden erzählt.  Beide  Autorinnen treten als wissende Erzählerinnen auf, lassen deutlich erkennen, dass sie mehr wissen als ihre eigenen Heldinnen. Die Romanhandlungen umreißen eine Zeitspanne von circa 60 Jahren. Beide Frauen sind in etwa in den 1970er-Jahren geboren und erleben ihre Jugend in den Neunzigern. Und das alles ziemlich unspektakulär, was mich sehr verwundert hat. Kein Aufbegheren, kein Protest, kein Widersetzen. Ihre Lebensläufe verlaufen wie geplant.
Beide gehören jener Enkelinnen-Generation an, die Wohlstand als Selbstverständlichkeit kennt. Wenn auch Hanna sich mit ihrer studentisch eher prekären Existenz in Berlin auseinandersetzen muss, gibt es für sie zum Akademiker-Dasein keine Alternative. Thirza wird sich niemals um ihre Existenz sorgen müssen,  sondern nur um ihren sozialen Status und das Richteramt.  Auch die Wahl der Männer im Leben ist ganz diesem Status untergeordnet. Nur Künstler und Intellektuelle leisten ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Relevanz. Sonst spielen Männer und Kinder bzw. haben keine besondere Relevanz im Leben der Frauen.
Die soziale Bedeutung für beide Frauen ist der Aspekt der Moderne in beiden Büchern. Das soziale Kapital zählt. Der soziale Status ist auschlaggebend in jeder Hinsicht.


Was verbindet Thirza und Hanna noch? Für mich besonders beeindruckend, ist die Familienaufstellung, die beide Frauen teilen: Hanna und Thirza wachsen bei ihren Großeltern auf, beide werden von ihren Großvätern geprägt! Hannas Großvater, der Schuldirektor und Sprachenkenner, nimmt Einfluss auf die akademische Entwicklung der Enkelin. Hanna studiert Sprache und Literatur, bleibt im universitären Umfeld jedoch stecken. Thirzas Großvater prägte ihre Vorliebe für die Juristerei und ebnet ihr mit seinen Kontakten den Weg zum Richteramt.
Thirza und Hanna wachsen in gut bürgerlichen Milieus im Nachkriegsdeutschland auf. Die eine in München-Pasing, die andere in einem katholischen Dorf im Schwarzwald. Ihre Großväter hatten einst all ihre ehrgeizigen Erwartungen in die Töchter gesteckt und wurden enttäuscht. Sowohl Thirzas als auch Hannas Mutter sind Mädchen der Fünfziger Jahre. Sie sind gut gebildet, gut situiert, und aufmüpfig. Sie rebellieren, jede auf ihre Weise. Hannas Mutter wird als junges, unverheiratetes Mädchen schwanger und entscheidet schnell, das Kind nicht annehmen zu wollen. Sie will lieber Stewardess werden und sich die eigene Lebensplanung von einem Kind nicht zerstören lassen. Vor Allem will sie sich nicht der ländlich-katholischen Stigmatisierung, ein uneheliches Kind geboren zu haben, aussetzen. Sie verlässt die Familie, das Dorf und bleibt fast für immer abwesend. Thirzas Mutter heiratet lieber einen lüsternen, selbstverliebten Schauspieler der Münchner Gesellschaft, statt die Richterinnenlaufbahn einzuschlagen, die ihr der „Richter“Vater vorgezeichnet hat. Sie wird nie eine innige Beziehung zur eigenen Tochter finden. In Thirza sieht sie die Erfüllung aller Erwartungen ihres Vaters. Sie lehnt die Tochter deshalb umso mehr ab.  Früh erkrankt Thirzas Mutter schwer und stirbt als Thirza noch ein kleines Mädchen ist. Thirza kommt zum Großvater und den beiden Großtanten nach Pasing.

Die Enkel*Innen-Generation scheint also nicht mit „Mütter/Frauen“-Vorbildern aufgewachsen zu sein. Zumindest nicht in diesen beiden Büchern. Thirzas und Hannas Großmütter waren ebenfalls so gut wie nicht existent. Die Tanten dienten mehr im Haushalt und waren von den Brüdern/Schwagern finanziell abhängig. Die eigenen Mütter nicht präsent. Ich kann nicht beurteilen, ob diese undbedeutenden Frauenbildnisse von beiden Autorinnen bewusst so aufgezeichnet wurden, oder einfach im Zuge der Personalkonstellation für die Handlungsabläufe nicht stärker herausgearbeitet worden sind. Wie auch immer, herausragend in beiden Büchern ist das äußerst schwache und kraftlose Bild der Frau. Kurzes Aufbegehren in der Nachkriegszeit verrebbte mit jedem Fortschritt der Republik und auferstanden ist eine neue Frauengeneration, ein neuer Frauentypus: Die „Enkelinnen“! Hanna und Thirza strotzen nur so vor Angepasstheit, vor Tugenden wie Fleiß und Ordnung.
Während die Mütter selbst ihren eigenen Vätern „das Gehorsam“ verweigerten, und auch die „Mutterschaft“ ablehnten, sich im Beruf und in der Gesellschaft zu behaupten wussten, weit ab von Zuhause, treten die Töchter kampflos und schwächelnd auf. Das Einzige was sie in der Gesellschaft erreichen müssen, ist der soziale Status. Der Wunsch nach Stand und Grad des Seins ist der bestimmende Faktor, ist ihr einziges Kapital im Leben. Und vieles ist ihnen schon vorgegeben, der Weg geebnet.

Hanna fehlt der Doktorgrad zur Vollendung ihrer sozialen Reputation in der Gesellschaft. Er ist es, dem sie hinterhereifert. Nicht die Liebe, der Mann, die Familie.  Sie steigt die Karriereleiter mit jedem Auslandsaufenthalt in New York, Rom und sogar mit Aussicht auf Harvard, weiter nach oben. Aber sie schafft es nicht sich durchzusetzen. Am Ende bleibt sie doch abgeschlagen, krank und von ihrer einzigen großen Liebe verlassen, zurück. Die Krankheit erscheint fast als Folge eines eh schon einsetzenden sozialen/beruflichen Abstiegs. Hanna spürt schon früh, dass sie den sozialen Status verliert, dass ihre akademische Laufbahn bereits dem Ende zugeht. Sie ist fast vierzig Jahre alt, als ihr die Krankheit die Fähigkeiten und Fertigkeiten nimmt, ihre akadmeische Arbeit fortzusetzen und sich selbst zu versorgen. Sie kehrt versehrt in jeder Hinsicht, in das Dorf zurück, dem sie einst, jung und voller Kraft, entfliehen wollte. Schlussendlich kehrt sie heim, in ihr emotionales und intellektuelles Zuhause; sie hat es andernorts nicht geschafft.

Thirza hat es dagegen etwas leichter, ihre akademischen Ansprüche und die Erwartungen ihres Großvaters zu erfüllen. Das großväterliche Richtermilieu, die väterliche Prominenz, sie öffnen ihr die Türen ohne viel eigenes Zutun. Auch Thirza will es dem Großvater recht machen, sie wird lernen und üben, fleißig sein. Sie wird selbst Richterin werden wollen. Es gibt keinen Zweifel an dieser vorgegebenen Lebensplanung. Thirza wird ein Leben lang in Pasing, in ihrer sicheren Umgebung bleiben. Sie wird den kleinen und feinen Stadtteil Münchens nie verlassen, sich nie andernorts erproben. Lange Zeit bleiben beide Frauen ledig.  Als sich Thirza verliebt und heiratet, ist das ein Mann, der unter ihr steht, intellektuell und auch beruflich. Seine Vorliebe für Klassiker, für Literatur, seine Redegewandtheit und Belesenheit werden belächelt. Es liest sich wie eine soziale Wohltat, die sie dem Ehemann entgegenbringt: Sie verzeiht ihm seine Unzulänglichkeit als Anwalt aus ärmlichen Verhältnissen stammend und ohne gesellschaftliche Reputation für sie selbst.  Am Ende, Thirza wird schon älter als Hanna und schon verwitwet sein, erleidet auch sie einen Schlaganfall.

Es bleibt durchaus weiterhin nachzuforschen, wie und warum das Bildnis der modernen Frau – ausgerechnet von Autorinnen – so eingeschränkt in der Entwicklung und Willenskraft beschrieben wurde.  Aus welchen Teilen der gesellschaftlichen Struktur werden diese Frauenbilder gezogen? Stark verkürzt, stark abgewandelt und verkünstelt kommen mir diese Biografien vor, auch wenn sie sich gut lesen lassen. Entsprechen sie wirklich der Realität der Frau in der duetschen Gesellschaft, oder gar einer bestimmten Frauengeneration? Die der Frau des 20. Jahrhunderts, und gibt es sie noch? Ist sie nicht schon längst ausgestorben? Schließlich sind beide Frauen, Thirza und Hanna am Ende Vergangenheit! Und wie sind sie verwurzelt, die Frauen des 21. Jarhunderts? Welches sind ihre Vorbilder, männliche und weibliche …?

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