Auster und Klinge von Lilian Loke

Oder der Geschmack von Geld und Macht

„Kunst funktioniert wie Geld, Gott oder die Annahme, je älter der Rotwein, desto besser: Die Masse muss glauben, dann wird es wahr.“ Für den Aktionskünstler und Millionärssohn Georg muss Kunst ein Instrument sein, ein Messer, das verletzt und tiefe Wunden hinterlässt.  Und nur diejenigen, die Mut haben den Schmerz auszuhalten, haben die Kunst verstanden.

„Einbrecher sind Feiglinge, keine Räuber, sondern Diebe“ – so definiert Victor, ein Ex-Knacki, Ex-Dieb und angehender Restaurantbesitzer seine jahrelange Tätigkeit als Dieb. Der letzte Einbruch brachte ihm zwei Jahre Gefängnis ein. Hatte er doch nachlässig gearbeitet und übersehen, dass der Besitzer zu Hause war.

Auster und Klinge ist ein Buch das überrascht,  wachrüttelt,   amüsiert und dann tiefen Schmerz zufügt. Lässt man diesen Schmerz zu, begibt man sich auf ca. 300 Seiten und in ein paar Lesestunden, in die Tiefen der globalen Markwirtschaft, in die Grausamkeiten krimineller und unternehmerischer Energie.

Aber zunächst ein paar einführende Worte:

Auf der Suche nach einer guten, fesselnden Lektüre, habe ich mit großem Interesse das Buchcover von Auster und Klinge betrachtet und befühlt. Pink und orange, auf dem Buchcover ist ein Herz mit dem Finger zu ertasten. Was für eine gute Idee! Schon auf den ersten Seiten überraschte mich die Lektüre.  Der Erzählstil anfangs etwas holprig für meinen Geschmack, aber  gepaart mit bitterbösem Humor, das gefiel mir!  Doch die Handlung fesselte mich immer mehr. Zwei Protagonisten, Victor und Georg,  zwei Gegensätze, beide sehr kantig, sehr eigen, sehr intrigierend. Die Neugier war geweckt, wohin geht die Reise mit einem Dieb und einem Aktivisten, Künstler, „Weltschmerzler“.

Anfangs

… geriet ich noch ins Schmunzeln, lachte laut auf, wenn Georg seine Kunst des Aufklärens und des Engagements, der Betroffenheit, auslebte. Sie als Call Center Agent genervten Anrufern aufdrängte, auch wenn diese lieber eine Anleitung zur Inbetriebnahme der kaputten Drucker oder Handys  wünschten. „Wussten Sie, dass sich die Leute in der chinesischen Elektronikindustrie reihenweise umbringen? Sie klettern aufs Fabrikdach und springen in den Tod“. Entsetzen, Wut, plumpe Beschwerden, und in der Folge eine Kündigung, brachte Georg der gelebte Protest. Verhaftungen, Anzeigen und Ausgeschlossenheit  sind zum Alltag für Georg geworden, seine gelebte politische Aktionskunst, die lebendige Kunstinstallation, empören, provozieren, stören.  Georg ist ein begabter Künstler, einer der sich einst auf  Kunst, die gefiel, verstand. Kunst, die ausgestellt und verkauft wurde. Georg ist auch der Sohn eines Großschlachters, ein Millionärssohn mit Geschäftsanteilen am Schweinekonzern, dem Familienunternehmen, das der Vater gründete und die Geschwister zum Weltkonzern ausbauten.

„Joachim kontrolliert die Struktur des Konzerns, Schlachthöfe und Verarbeitungsbetriebe in ganz Deutschland und Dänemark, Beschaffung von Arbeitskräften aus Rumänien, Bulgarien, Polen, die im Akkord die Tiere ausbluten, entweiden, zerlegen. Joachim steuert aus dem Hintergrund die Arbeiterunterkünfte, verwaltet von einer Immobilienfirma, die wiederum Konzerntochter ist, ausländische Subunternehmer  als Vermittler und Arbeitgeber der Werksvertragsarbeiter, Umgehung des deutschen Arbeitsrechts. Eine Firma, aufgebaut auf einem eingeschüchterten Arbeiterheer, der Unterschlagung von Sozialabgaben, überfüllten Kasernen …Betrugsprozess wegen Falschetikettierung von gepanschtem Hackfleisch, Verfahren eingestellt gegen knapp eine Million Euro Geldauflage… Steuerhinterziehung … Kameraüberwachung ….“

Schon immer hat sich Georg, der Schweineprinz, wie er in der Schule genannt wurde, gegen das Schlachten, Quälen und gegen das Unternehmen gestellt. Georg ist der  Weltschmerz-Literaturheld des 21. Jahrhunderts. Nach  so vielen namen-  und recht tatenlosen Helden in der Literatur des letzten Jahrhunderts, hat LL ihren Helden nicht nur Namen gegeben,  sondern hat sie  auch mit viel Tatendrang ausgestattet.  Georg ist kein stiller, vor sich hin leidender „Weltschmerzler“, er gibt seinen Schmerz zurück. Und er trifft ins Herz des Lesers.  Victor, wuchs „In einer perfekten Welt“ auf, wie das Kapitel heißt, in dem die junge Autorin Lilian Loke, einen Halbwaisen , ein Kind geschiedener Eltern dessen Leben viel zu früh von Geldmangel, Trennung und Alkohol  bestimmt war, beschreibt.  Vom Gelegenheitsdieb in Jugendjahren bis hin zum Berufsräuber als junger Mann, war Victor stets unterwegs. Fred und seine kriminelle Umgebung – die Crew,  gaben  ihm  Halt im Leben, der ihm fehlte, und das passende Wertesystem.  Die guten alten Werte einer Mittelstandsfamilie, einer sozial abgerutschten Angestelltenfamilie, waren nur noch leere Worthülsen:

„Wenn du gut bist, kommt alles zurück“, hatte Victors Mutter immer gesagt. …“

„Arbeite hart“, hatte Fred einmal mit seiner rauen Stimme gesagt, die stets etwas spöttisch klang, „das trichtern sie dir ein, keine Schande, keine Kohle zu haben, arbeite hart, sei ehrlich, gut, das zählt, dann kannst du alles schaffen. Dreck ist das, damit du aufhörst zu denken. Denk doch mal nach. „ …
„Arbeit wird bezahlt, weil keiner den Mist umsonst tun würde, dir wird eingebläut, ohne Arbeit wärst du nichts wert, weil die Fleißigen den Faulen ihre Faulheit nicht gönnen, Goldmarie, Pechmarie, Ameise, Grille.“

Hier musste ich beim Lesen  schon etwas inne halten. Das Zurechtlegen der Wertigkeiten, um das eigene kriminelle Treiben zu rechtfertigen, hat mich doch etwas überrascht. Zu unkommentiert, zu affirmativ, sehr schwarz-weiß, zeichnet der Crew-Führer Fred seinen „Bürgerprotest“.  Allerdings werden die eigenen Taten nicht nach diesem Gerechtigkeitssinn bewertet. Immerhin raubt die Crew, nur zum eigenen Wohl, Menschen aus und zwar mit aller Macht, sogar mit Gewalt. Wie Georgs Bruder Joachim den Familienkonzern vernetzt hat und ohne Rücksicht auf Verluste Mensch, Tier und Natur ausbeutet, so arbeitet die Crew als Netzwerk zusammen, und  Betreibt eine,  bis ins Kleinste geplante, räuberische Aktivität, die letztendlich nur Fred einbringlich ist.

„Lass dir nicht einreden, das Leben wäre so kompliziert, schlussendlich geht es immer um Macht.  Macht ist nichts weiter als die Freiheit, in Sicherheit deinen Willen durchzusetzen,…Geld ist eine kolossale magische Konservendose, eingemachte Macht.“

Verkehrte schöne neue Welt
Was für eine verkehrte Welt setzt uns die junge Autorin Lilian Loke hier vor. Wie schlau, wie bitterböse hat sie ihren Protagonisten Eigenschaften verliehen, um den Leser schnell in Gewissenskonflikte zu versetzen, sich ertappt zu fühlen! Das ist für mich das Hauptmerkmal des Buches. Wie oft redete  ich beim Lesen mit, widersprach oder nickte zustimmend den Kopf  und sagte: Zu Recht, endlich! Endlich wagt es jemand „brutalst möglich aufzuklären“! War das nicht mal eine politische Forderung, die bis heute nachhallt? Hier im Buch findet nun diese Brutalität, diese Radikalität statt.  Der Held schlägt zurück und verteilt seinen Weltschmerz:

Ab in den Kampf

„Du bist im Garn meiner Kleider, Vorhänge, Bettwäsche, Tischdecke, du bist eine Sumangali, eine glückliche Braut, wurdest von deinen Eltern an die Fabrik verpachtet, um deine Mitgift zu erarbeiten. Du darfst das Gelände nicht verlassen, dein Monatslohn beträgt rund einen Euro, du spinnst Baumwolle in Tirupur, Indien, schließlich hat dir die Maschine die halbe Hand abgerissen, sie haben dir 60 Cent gegeben und dich auf die Straße gesetzt.“

Während sich Georg  vom engagierten Aktionskünstler zum radikalen Aktionisten im Namen des „Menschseins“ verwandelt, wird Victor immer wieder versuchen ein „normales“ Leben  zu führen. Weg von der „Crew“  hin zum Alltag von 9 bis 5. Doch alle sind  dagegen: sein alter Kumpane will die Schulden eintreiben, wie es ich unter guten Dieben gehört, hier verzeiht man keine Schwäche. Der neue Freund Georg will alles über das Einbrechen wissen und erpresst Victor. Er soll ihm alles beibringen, dafür finanziert Georg  das Restaurant und begleicht die Altschulden. Als jedoch der Künstler zum Einbrecher wird, allen den Kampf ansagt, Blut fließen lässt, ist die Grenze des Erträglichen erreicht. Nur wie stoppt man einen Menschen, der keine Spuren hinterlässt?

„Georg. Evelyn spürt, wie ihr Herzschlag schneller wird, sie steckt die Zettel ein, umrundet den Brunnen entlang der Absperrung. Auf jeder Pfeilerseite eine Wasser speiende Maske, schmutzig rote Fontänen im grellen Morgenlicht. Unter der großen Justitia-Figur auf dem Sockel vier geflügelte Wesen mit Schlangenleib, die ebenfalls verfärbtes Wasser speien, auf den Pfeilerseiten Relieffiguren, Spes, Temperantia, Justitia, Caritas, die grünspanige Bronze verklebt mit bräunlichen  Schlieren. (..)
,, Als ein fauliger Geruch zu Evelyn herüberzieht, tritt sie so nah wie möglich an die Absperrung. „ Sind Sie sicher, dass das nur Farbe ist?“

Unaufhörlich scheint sich Georg an den Menschen rächen zu wollen und seinem Weltschmerz freien Lauf geben zu müssen. Er wird zur Gefahr für Victor, für die Familie, für das Unternehmen. Verrat ist das Gebot der Stunde  Bis dahin jedoch rüttelt Georg Frankfurter Bürger auf, bedroht sie mit Blut und vergammelten Fleischstücken, erschreckt sie mit seiner blutig-stinkenden Aktionskunst, flößt ihnen Angst ein.

Am Ende

hat die Autorin leider der Mut verlassen und sie erlaubt beiden Protagonisten eine Rückkehr in die Normalität. Schade!  Das Ende liest sich mehr als ein, in der Schreibschmiede gelernter Kunstgriff, etwas halbherzige und sehr flache Wendung ohne Anspruch auf Konsequenz und völlig unpassend zur Radikalität eines Georgs und zur Verschlagenheit eines Victors.

Sehr lesenswert bleibt dieser Lesestoff trotzdem

Die junge Autorin zeigt mit einer beneidenswerten Leichtigkeit und Raffinesse auf, wie fließend die Grenzen im Wertesystem geworden sind. Im Laufe des Handlungsgeschehens entwickeln sich beide Protagonisten auf einander zu. Am Ende bricht Georg  in ein Haus ein, verletzt eine Frau, wird verraten und verhaftet.  Am Ende steht er genau dort, wo Victor am Anfang des Buches stand. Lug und Betrug, kriminelle Energie,  verhelfen sowohl in der unternehmerischen Umgebung als auch im Milieu zu Geld und Macht zu gelangen. Es zählt in beiden Lebensbereichen –  Unternehmen und Milieu – Ich/die Familie/die Crew.

Ganz besonders hervorzuheben sind die nachgezeichneten marktwirtschaftlichen Aspekte, die im Buch literarisch nachgezeichnet sind. Der Leser muss auch die  Nebensätze beachten, dann findet er sie: Hier hat die Autorin wichtige privatwirtschaftlich relevante Informationen versteckt. Sie sind es die  unsere  soziale Realität widergeben:

„Victors Vater verströmte die Tristesse von Recyclingpapier, wenn er abends aus dem Büro heimkam, roch nach Filzteppich, saurem Kaffeeteam, sprach nicht viel. Dann verlor er seinen Job. Fand keinen neuen, saß zu Hause, roch nach Bier, sprach noch weniger. Ein Personaler, der keine Stelle mehr fand, war zu viel für ihn.“

Aber auch darüber hinaus scheint es mir, als spiele die Autorin mit dem Leser: Genauso könnte man dieses Buch als Betroffenheitsbibel eines jeden Wutbürgers lesen. Insbesondere, wenn notorische Abneigung bürgerlicher Werte wie Arbeit, Geld und Macht zurechtgelegt werden als  Rechtfertigung für eigene Missetaten. Wenn Werte über den (auf einen)  Haufen geworfen werden, muss man sich als Leser fragen, was ist das, was bleibt?

 

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