Die Liebenden von Wiesbaden von Susanne Konrad

Der Grund warum ich am liebsten alle Bücher, die ich gerne besprechen möchte, selbst kaufe und nicht Rezensionsexemplare anfordere: Ich weiß einfach nicht, wann ich so weit sein werde ein Buch zu besprechen. Das ist nun mal so. Die meisten Verlage wollen gerne, dass ihre Neulinge so bald wie möglich gelesen und besprochen werden, am besten innerhalb von 2-3 Wochen: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Doch möchte ich auch als bloggende Buchhändlerin den Zeitpunkt einer Buchbesprechung selbst bestimmen.

Das Buch „Die Liebenden von Wiesbaden“  von Susanne Konrad ist im Herbst letzten Jahres erschienen. Es hat mich sofort angesprochen und ist, wie ich es gerne nenne,  ein „schönes Büchlein“. Klein, handlich, dünn, ein kunstvolles Broschur-Cover mit dem Bild von August Mackes „Leute am blauen See“ – richtig verlockend. Auch im Buch selbst finden sich Abbildungen, s/w-Fotografien aus Wiesbaden, vom Kurhaus, der Altstadt, Häuserfassaden. Nimmt man das Buch in die Hand und blättert es zunächst schnell mal so eben durch, prüft es als Leser auf „Lesetauglichkeit“: Typographie, Seitenzahl, Absätze, Dialoge, … (das machen Leser zuerst) wird man schnell feststellen, wie liebe- und geschmackvoll dieses kleine Werk ausgestattet wurde. Ein Lob an den Größenwahn Verlag. Und beim Reinlesen stellt man schnell fest, es ist nicht nur ein schönes Büchlein, sondern ein ganz besonderes Buch mit einem außergewöhnlichen Thema.

Die ersten Zeilen geben die Atmosphäre wieder, die schon durch die Betrachtung der schwarzen und weißen, eher dunklen, unscharfen Fotografien, entstanden ist. Wie in eine andere, alte Zeit versetzt,  taucht der Leser mit den ersten Sätzen ein in das Zuhause der Liebenden von Wiesbaden, und in diese gelungene Novelle. Das Unerhörte, das Außergewöhnliche erwartet den Leser: Die Erotik, die die Liebenden in Wiesbaden verbindet, das Ehepaar mit dem großen Altersunterschied, das nie jemand süß oder schön fand, sie lieben sich. Ihre Liebe ist auch erotisch, sinnlich, körperlich.

Der Altersunterschied zwischen Kirsten und Ernst beträgt 22 Jahre als sie sich an der Ostsee begegnen und in einander verlieben. Sie verbringen gerade ihre Ferien in Grömitz und sind von einander sofort fasziniert. Bevor sie endgültig eine Familie werden, durchlaufen sie eine Zeit des Annäherns und Kennenlernens. Schließlich haben beide Liebenden auch ihre Vergangenheit und gehen die neue Liebe vorsichtig an. Der Alltag, der Beruf, die Familie, sie stehen noch an und mischen sich in die Welt der Liebenden ein, holen sie in die Realität zurück. Bald jedoch kündigt sich, unerwartet aber glücklicherweise, Nachwuchs an. Die Liebenden werden Eltern, alte Eltern. Das werden sie immer zu spüren bekommen: auch das eigene Kind wird sich im Kindesalter ihrer Schämen, die Umgebung wird in ihnen die Großeltern sehen, und sie werden all diese alltäglichen kleinen und großen Ablehnungen, Anfeindungen unbeschadet überstehen.


Außergewöhnlich und wortgewandt beschreibt Susanne Konrad die körperliche Veränderung, dem sich die Liebenden nicht entgegenstellen können. Ernst und Kirsten sind schon zum Zeitpunkt des Kennenlernens alt, und werden auch gemeinsam altern. In einer Zeitspanne von über zwanzig Jahren wird uns die Erzählerin, die Protagonistin Kirsten selbst,  mitnehmen und uns vorführen wie sich der Körper verändert, wie er zerfällt und doch immer für die Liebenden reizvoll und anziehend bleibt. Als Leser mag man nicht immer dieser Meinung sein. Nicht immer findet die Erotik den Geschmack des Lesers- – also meinen zumindest traf sie nicht immer. Aber dann habe ich mich gefragt, warum? Um ehrlich zu sein, weil ich ungern den Alterungsprozess im Zusammenhang mit Erotik und Sex in Verbindung bringe.

Literarisch ist es nur gut darüber zu schreiben und zu zeigen, dass Liebe auch im Alter aus Erotik, aus Sinnlichkeit und Körperlichkeit besteht. Besonders, wenn eine Autorin so würdevoll darüber schreiben kann, sollte sie es auch tun. Sehr behutsam greift Susanne Konrad das Thema Liebe im Alter auf, in leisen Tönen und mit stillen Vokabeln aber ohne Umschweife beschreibt sie die Liebreizungen, die Erregung, die Mann und Frau einander spüren lassen, weil sie sich lieben. Recht gradlinig führt uns die Autorin auch auf das Ende zu. Schon am Anfang sitzt Kirsten am Bett ihres mittlerweile alten, bettlägerigen, kranken Mannes und erinnert sich an ihr gemeinsames Leben zurück. Unmissverständlich klar ist dem Leser, dass Ernst und Kirsten keine lange Zukunft miteinander haben werden bzw. auf keine lange gemeinsame Vergangenheit zurückblicken können. Ihre Liebe war von Anfang an zeitlich begrenzt ist.


Susanne Konrad beschreibt die Gefühle eines Paares, das sich über alle Maßen liebt.  Ihre kurze Geschichte erfasst das Familienleben, das Liebesleben eines Paares, das durch den Altersunterschied auf Grenzen stößt. Auch die Zeit spielt gegen sie. Und doch ertragen sie gemeinsam und würdig das Schicksal, das doch nicht so arg mit ihnen umgegangen ist: Zweiundzwanzig Jahre führten sie ihre lust- und liebevolle Ehe und ein sorgloses Leben.

Meine Empfehlung hat diese literarische Kurzprosa, die Liebe und Zeit, Alter und Eotik so bemerkenswert miteinander verbindet. Es wundert mich also nicht, dass auch im aktuellen Buchjournal zwei2018 die Empfehlung eindeutig: Lesenswert lautet.

 

Susanne Konrad
Die Liebenden von Wiesbaden
Novelle, Broschur, 141 Seiten
ISBN 978-3-95771-186-1
€ 16,90
Größenwahn Verlag,
Frankfurt/Main, 2017

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