Archiv der Kategorie: Rezensionen

Auster und Klinge von Lilian Loke

Oder der Geschmack von Geld und Macht

„Kunst funktioniert wie Geld, Gott oder die Annahme, je älter der Rotwein, desto besser: Die Masse muss glauben, dann wird es wahr.“

Für den Aktionskünstler und Millionärssohn Georg muss Kunst ein Instrument sein, ein Messer, das verletzt und tiefe Wunden hinterlässt.  Und nur diejenigen, die Mut haben den Schmerz auszuhalten, haben Kunst verstanden.

„Einbrecher sind Feiglinge, keine Räuber, sondern Diebe“ – so definiert Victor, ein Ex-Knacki, Ex-Dieb und angehender Restaurantbesitzer seine jahrelange Tätigkeit als Dieb. Der letzte Einbruch brachte ihm zwei Jahre Gefängnis ein. Hatte er doch nachlässig gearbeitet und übersehen, dass der Besitzer zu Hause war.

Auster und Klinge ist ein Buch das überrascht,  wachrüttelt,  amüsiert, und dann tiefen Schmerz zufügt. Lässt man diesen Schmerz zu, begibt man sich auf ca. 300 Seiten und ein paar Lesestunden, in die Tiefen der globalen Markwirtschaft, in die Grausamkeiten krimineller und unternehmerischer Energie.

Aber zunächst ein paar einführende Worte: Auster und Klinge von Lilian Loke weiterlesen

Die Liebenden von Wiesbaden von Susanne Konrad

Der Grund warum ich am liebsten alle Bücher, die ich gerne besprechen möchte, selbst kaufe und nicht Rezensionsexemplare anfordere: Ich weiß einfach nicht, wann ich so weit sein werde ein Buch zu besprechen. Das ist nun mal so. Die meisten Verlage wollen gerne, dass ihre Neulinge so bald wie möglich gelesen und besprochen werden, am besten innerhalb von 2-3 Wochen: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Doch möchte ich auch als bloggende Buchhändlerin den Zeitpunkt einer Buchbesprechung selbst bestimmen.

Das Buch „Die Liebenden von Wiesbaden“  von Susanne Konrad ist im Herbst letzten Jahres erschienen. Es hat mich sofort angesprochen und ist, wie ich es gerne nenne,  ein „schönes Büchlein“. Klein, handlich, dünn, ein kunstvolles Broschur-Cover mit dem Bild von August Mackes „Leute am blauen See“ – richtig verlockend. Auch im Buch selbst finden sich Abbildungen, s/w-Fotografien aus Wiesbaden, vom Kurhaus, der Altstadt, Häuserfassaden. Nimmt man das Buch in die Hand und blättert es zunächst schnell mal so eben durch, prüft es als Leser auf „Lesetauglichkeit“: Typographie, Seitenzahl, Absätze, Dialoge, … (das machen Leser zuerst) wird man schnell feststellen, wie liebe- und geschmackvoll dieses kleine Werk ausgestattet wurde. Ein Lob an den Größenwahn Verlag. Und beim Reinlesen stellt man schnell fest, es ist nicht nur ein schönes Büchlein, sondern ein ganz besonderes Buch mit einem außergewöhnlichen Thema. Die Liebenden von Wiesbaden von Susanne Konrad weiterlesen

Alles orange?

Zwei Bücher, zwei Frauen, zwei Leben, zwei Frauenleben – nicht in lila, nicht in rosa, nein in orange!

Beide Bücher hatten mich über das Cover angesprochen. Es war die Farbgebung, die mich verleitete zunächst zu glauben, es handelt sich um identische Buchumschläge. Sagt man das überhaupt noch: Buchumschlag?
Wie auch immer, beide Bücher ähneln sich nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich. Die Autorinnen Petra Morsbach und Verena Boos, die mir bisher nur wenig bekannt waren, haben – jede in ihrem Buch – Frauenleben aufgespührt und gesellschaftliche Frauenbildnisse nachgezeichnet, die mich irritieren. Das ist auch der Grund für diese Doppel-Besprechung.

So unterschiedlich die Thematik vordergründig erscheinen mag, so überraschend ähnlich sind die Lebensläufe dieser beiden Frauen:  Hanna und Thirza. Alles orange? weiterlesen

Die Freiheit der Emma Herwegh von Dirk Kurbjuweit

Eine außergewöhnliche Frau, die Freiheit und Gleichstellung von Mann und Frau als oberstes Gut ansah und dafür kämpfte.  Freiheit für alle – das war ihr Credo, dafür zog sie an der Seite ihres Mannes, der die Deutsche Demokratische Legion gründete, in den Krieg. Für die Freiheit tat Emma fast alles – und für die Freiheit verlor sie auch fast alles.

Als Emma Siegmund den Dichter und Kommunisten Georg Herwegh kennenlernte, war sie schon eine „alte“ Frau.  Sie war belesen, gebildet, musizierte, sprach mehrere Sprachen und setzte sich mit den politischen Ereignissen auseinander; vor allem schlug ihr Herz für die Freiheit. Die Ehe sollte sie aus dem Höhere-Töchter-Leben entreißen und ihr das Tor in ein freies Leben, in die Freiheit, öffnen:

„…sie weinte, weil es so überaus richtig war, diesen Mann zu heiraten, weil sie abschloss mit dem Höhere-Tochter-Leben, das sie aber nicht in eine Höhere-Tochter-Ehe überführte, sondern in das, was sie eine Ehe von Freien nannte, ohne dass sie schon wusste, wie weh das tun würde.“(S.102)

Wie viele Opfer sie für die Freiheit bringen wird, kann sich Emma zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen. Erst hoch betagt und verarmt wird sie imstande sein auf das eigene Leben zurückzublicken und zu erkennen, was sie alles für die Freiheit aufgeben musste.

In dieser bemerkenswerten Biografie beschreibt Dirk Kurbjuweit eine außergewöhnliche Frau des 19. Jahrhunderts. Sie war begeisterte Revolutionärin, leidenschaftliche Kämpferin für Frauenrechte und eine Verfechterin der freien Liebe. Sie war Ehefrau, Mutter, Geliebte und Betrogene. Emma Herwegh war Kundschafterin der Deutschen Demokratischen Legion, die sie zusammen mit ihrem Mann gründete, um die aufkeimenden Aufstände von Paris auch auf deutschem Boden voranzutreiben und zu unterstützen. Sie verhandelte und marschierte mit ihrem Mann und all den anderen Kämpfern durch Südwestdeutschland, ertrug Kälte und Hunger, verkraftete die Niederlage bei Dossenbach und floh wieder ins Exil. Emma Herwegh schrieb: „Von einer Hochveräterin: zur Geschichte der deutschen demokratischen Legion aus Paris, 1849“ gegen Spott und Kritik, die Georg Herwegh nach der Niederlage bei Dossenbach und der schnellen Flucht in die Schweiz entgegengebracht wurde. Emma Herwegh ertrug den Betrug ihres Mannes, den Tod ihres Sohnes, das lebenslange Exil in der Schweiz und in Paris. Sie verhalf Felice Orsini aus dem Gefängnis indem sie ihm Bücher zuschickte, in denen sie Feilen versteckte.  Felice Orsini war Emmas Liebhaber, sie lebte mit ihm zusammen.

In diesem Zeitporträt und Frauenbildnis zeichnet der Autor Dirk Kurbjuweit ein revolutionäres Bild Europas im 19 Jahrhundert. Dichter und Denker in Paris und der Schweiz, Exil-Deutsche, aber auch Bauern und Arbeiter wollen ihre Freiheit erlangen. Insbesondere erspürt der Autor sehr einfühlsam die starke Rolle der Frau in dieser Epoche, vorneweg Emma Herwegh. Aber auch ihre kontroverse Stellung in der Gesellschaft des 19 Jahrhunderts, zwischen Emanzipation und Tradition:

„Wir sind Wesen, sagte sie, die nur Zierrat auf der Welt sind, Flitter, aber keinen Teil der Weltseele ausmachen. Was bleibt mir: Reitstunde, Singstunde, Zeichenstunde, Literaturstunde. Sie stopfen uns voll mit Bildung, und dann? Lassen sie uns verdorren.“
„ Oft, sagte sie, kommt es mir vor, als glaubten die Männer, wir wären nur zum Vergnügen auf der Welt, zum Spaß für sie, und das ist der Punkt, der mich rasend machen könnte. Man gibt uns von allen Dingen nur die Schale, von den Wissenschaften, von der Kunst, und wehe der Frau, die sich dem Kern nähern wollte.“ (S.121)

„ Der Kulturzustand einer Gesellschaft, sagte Herwegh, bemisst sich an der Stellung der Frau. So hat Fourier das gesehen. (S. 128)

Diese einfühlsame und historisch genau nachgezeichnete Biografie erzählt der Autor in zweierlei Erzählperspektiven: Zum einen lässt er die bereits betagte Emma Herwegh selbst erzählen. Sie unterhält den jungen Frank Wedekind mit ihren Liebes- und Ehegeschichten, mit den Seitensprüngen, den Ehebrüchen, Liebeskrisen und wahlverwandtschaftlichen Liebesreigen, die sie und Herwegh durchlebt haben. Dabei bringt sie immer wieder deutlich zum Ausdruck, wie bedingungslos ihr Drang nach Freiheit das eigene Leben geprägt hat. Zum anderen ist es der Autor selbst, der chronologisch dem politischen und künstlerischen Leben, der Leidenschaft und Hingabe für die Liebe und Freiheit von Emma und Georg Herwegh in jener revolutionären Zeit nachgeht.

 

Ein starker biografischer Roman, eine lesenswerte Biografie, ein bedeutendes Zeitdokument!

 

Tochter des Diktators von Ines Geipel

Vor ein paar Wochen erschien im Klett-Cotta Verlag ein Buch, das nahezu still und leise, am Büchergeschehen vorbei, in den Handel kam.  Leider!

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Es ist eine besondere Lektüre, weil sie außerhalb der Thementrends liegt, die in diesem Jahr den Buchmarkt prägen – und doch wieder nicht: auch hier spielt das politische Europa eine Rolle! Was macht das Buch also so besonders? Das ist auf jeden Fall die dokumentarische Erzählweise der Autorin Ines Geipel,  die Fakten und Fiktion sehr abgestimmt und literarisch miteinander verbindet. Es sind die Umrisse einer politischen Nachkriegsentwicklung in Europa, die alles andere als friedlich abgelaufen ist – die Folgen sind heute deutlich erkennbar. Es sind die Leben der Menschen, die von diesen politischen Unruhen beeinflusst wurden – bis heute. Tochter des Diktators von Ines Geipel weiterlesen

Die Mississippi Bande von Davide Morosinotto

Eine Abenteuergeschichte – nicht nur für Jungs!

Kinderbücher sind eigentlich nicht mein Fachgebiet. Ich lese zwar ab und an gerne mal ein Kinderbuch, aber hauptsächlich beschäftige ich mich mit Literatur „Erwachsenenliteratur“. Doch dieses Buch über das ich heute schreibe, hat mich in seinen Bann gezogen. Seit meiner eigenen Kindheit – und das ist seehr lange her- habe ich nicht so eine mitreißende, spannende, berührende Abenteuergeschichte gelesen. Die Mississippi Bande von Davide Morosinotto weiterlesen

Roaslie – ein Provinz-Roman

Ein Buch namens „Rosalie“  ist im Dumont Buchverlag im Spätherbst 2016 erschienen.

Die Handlung spielt 1985 in der bayrischen Provinz, in Praam an der Schwarzen Laaber. Ländlicher geht es fast kaum. Eigentlich, ein kleines, unscheinbares, aber wild romantisches, katholisches Dorf mit einer verlassenen Burg.  Hier ist Konstantin aufgewachsen: seine Eltern betrieben die Dorfwirtschaft, sein Großvater war schon als Hausmeister der Burg und später als Holzhändler im Dorf ansässig, Konstantin besuchte das örtliche Gymnasium, nahm an festgesetzten Kirchenritualen teil, tanzte sich durch die Dorfdiscos und verlebte eine eher unspektakuläre Kindheit und Jugend auf dem Lande – bis er sich verliebte.

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Das Geräusch des Lichts von Katharina Hagena

Katharina Hagenas neues Buch erschien im Herbst 2016 und ist für mich eine ganz besondere Lektüre. Einmal mehr, oder besser gesagt, wieder einmal, begeistert mich die Autorin mit ihrer Erzählkunst. Sprachlich und erzählerisch, ist dieses Buch ein wunderbares Geflecht aus all jenen Bestandteilen, die gute Literatur ausmachen.
Der Inhalt ist schnell erzählt, den übernehme ich von der Verlagsseite Kiepenheuer & Witsch: Fünf Suchende unterwegs in der Weite Kanadas. Fünf Menschen im Wartezimmer. Wer könnten sie sein? Eine der Wartenden beobachtet die anderen und erfindet ihre Lebensgeschichten. 

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Die Biene, die sprechen konnte

"Es war einmal ... " So beginnt auch dieses Bilderbuch-Märchen, welches mit zauberhaften Illustrationen ausgestattet ist. Ohne Hexen, Gnome und Magie lässt die Autorin die Natur durch die kleine Biene sprechen, denn es heißt ja auch im Buch: "die Biene kennt jeder und jeder kennt die Biene" Belle ist ein Stadtmädchen, sie lebt in Paris und ist bekannt dafür, dass ihr nichts entgeht:
"Sie wusste genau, dass Monsieur Talgard seine Bäckerei jeden Morgen um 7 Uhr öffnete, Madame Babineau ihren Sonnenblumen um 8 Uhr Wasser gab und die Glocken von Sacré-Coeur eine volle Minute nach allen anderen Kirchenglocken 9 Uhr schlagen."

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Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

 

Eine außergewöhnliche Familie und ihre Schatten: Sprachlich einfallsreich und mit vielen Wendungen versehen, komponiert der junge Autor eine spannende und manchmal verstörende Familien-Chronik. Immer aus einer anderen Perspektive mit variationsreichen Erzählstimmungen versehen, lesen wir hier nicht nur Familien- sondern auch deutsche Geschichte.

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Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Was für eine literarische Neuentdeckung! Wirklich meisterhaft geschrieben von L.L. Carr, sein bekanntestes  Werk, welches 1980 für den Booker-Preis nominiert war.  In diesem Jahr erstmals auf Deutsch erschienen, übersetzt von Monika Köpfer  für den Dumont Verlag. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kommt der junge Restaurator Tom Birkin in die Gemeinde Oxgodby, um ein Wandgemälde in der Kirche freizulegen.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr weiterlesen