Rezensionen

Rose Tremain: Und damit fing es an

Der Roman von Rose Tremain ist dieser Tage in deutscher Sprache im Insel Verlag erschienen. Auf so eine Neuerscheinung habe ich bisher gewartet. Endlich ein Titel, den ich mit Leidenschaft und Freude meinen LeserInnen empfehlen kann. Habe ich doch das Buch selbst so gerne gelesen!

Auf ca. 330 Seiten hat die Autorin Rose Tremain eine spannende und fesselnde Geschichte über Anton und Gustav, über Freundschaft und Liebe und den langen Weg zum Glück aufgeschrieben.  Zugleich ist es auch ein Familien- und ein zeit-geschichtlicher Roman. Angesiedelt ist die Handlung im schweizerischen Städtchen Matzlingen, im „Mittelland“, wie es an einer Stelle im Buch heißt,  der zeitliche Rahmen umfasst über sechzig Jahre, auch schweizerischer Geschichte, die in drei Teilen erzählt wird.

Das Buch ist auch aus literarischer Sicht ein Leseerlebnis! Rose Tremain baut eine spannungsreiche Handlung um Gustav Perle auf, die sie mit filigranen Nebenerzählungen über seinen Freund Anton Zwiebel und dessen Familie umrahmt.  Die Dramatik entsteht durch den beeindruckend stark gezeichneten Charakter der Emilie Perle, Gustavs Mutter. Der Leser ist schon von der ersten Seite an im Bann dieses überaus fesselnden Familienromans und genießt den langsamen und sanften Erzählfluss, der nahezu unmerklich in dramatische Wendungen fließt.

Im ersten Teil, der Zeit unmittelbar nach dem Krieg, von 1948 bis 1952, lernen sich Anton Zwiebel und Gustav Perle in der Vorschule kennen und freunden sich an. Der beherrschte und eher zurückgezogene kleine Gustav soll sich um den neuen Schüler kümmern, denn Anton weint ganz furchtbar als er in die Vorklasse reinkommt: „Anton schaute Gustav an, der ein wenig kleiner war als er. Gustav verkündetet: „ Meine Mutter sagt, man soll lieber nicht weinen. Sie sagt, man muss sich beherrschen.“ Das verblüffte Anton offenbar so sehr, dass er abrupt mit Schluchzen aufhörte.! (S.12) Von diesem ersten Moment an sind die beiden einzige und engste Freunde. „Sein ganzes Leben lang würde Gustav sich lebhaft an jenen ersten Morgen mit Anton erinnern“. Mit Anton kehrt endlich Freundschaft und Spiel, Musik und Fantasie in das triste Leben des kleinen Gustav ein. Gustav lebt mit seiner Mutter Emilie in ärmlichen Verhältnissen. Wie er das Anton selbst beschreibt: „Wo ich wohne, ist es sehr eng. Wir haben nicht einmal einen Küchentisch.“. Außer einer kleinen Eisenbahn, die in den winzigen Fenstern kleine Menschengesichter zeigt, hat Gustav keine Spielsachen weiter. Dagegen ist Antons Leben reich ausgestattet, am wichtigsten ist es ihm aber, dass er ein Klavier hat und darauf spielen kann! Ein Konzertpianist soll er mal werden, das steht für Anton und seine Mutter Adriana schon fest. Anton spielt gerne die neu erlernten Klavierstücke vor und auch über die musikalische Bildung hinaus, ist Anton viel versierter als Gustav. „Anton lief von Natur aus gut Schlittschuh, Gustav jedoch nicht, aber er machte es sich zur Aufgabe, alles zu meistern, was Anton konnte, und mit der Zeit auch alles, was Adriana konnte – mochte das Ziel auch in weiter Ferne liegen. Er stützte häufig, aber er weinte nie … Er übte sich darin, stattdessen zu lachen. Lachen war eigentlich ein bisschen wie Weinen. Es war eine seltsame Erschütterung; nur kam sie aus einer anderen Ecke des Gehirns.“ (S.50) Emilie beobachtet diese enge Freundschaft zuweilen mit Feindseligkeit und Argwohn, lässt es die Kinder auch spüren. Ihrer Überzeugung nach, sind die jüdischen Flüchtlinge schuld daran, dass sie ein armseliges Leben mit ihrem Sohn führen muss. Sie gibt „den Juden“  Schuld am Tode ihres Mannes, einem Helden und Märtyrer, wie sie selbst findet. Erich Perle war einst der stellvertretende Polizeichef von Matzlingen. Seine Stellung und sein stattliches Aussehen versprachen einer Frau all das bieten zu können, was sich Emilie, als armes junges Zimmermädchen, aus ihrer einzigen Lektüre, der Boulevardzeitschriften zusammenreimen konnte. Vor allem versprach er, sie endlich aus der Armut herauszuholen und Liebe in ihr Leben einkehren zu lassen. Gustav spürt die Abneigung seiner Mutter Anton gegenüber. Er weiß auch sehr genau Emilies Stimmungen einzuschätzen, sich zu beherrschen, zurückzunehmen, sie nicht zu verärgern. Umso größer ist die Freude, als Emilie erlaubt, dass Gustav mit Anton und seinen Eltern gemeinsam in die Ferien, nach Davos, fahren darf! In den gemeinsamen Ferien erleben die beiden Freunde ihre intensivste Zeit zusammen. „Und damit fing es also an, das Spiel“ …“Später in ihrem Leben fragten sie sich, ob das Spiel , das sie damals in Davos erfunden hatten, eigentlich „in angemessenem Rahmen“ geblieben sei. Sie wussten, dass es befremdlich gewesen war. Aber in der Befremdlichkeit lagen auch seine Faszination und seine Schönheit“… „Sie vergaßen die Zeit.“ Im zweiten Teil, der sich zeitlich von 1937 bis 1942 erstreckt, erzählt Rose Tremain, die Geschichte der Familie Perle! Für mich ist das der spannungsreichste und emotionalste Teil in diesem Roman. Nicht nur die gegensätzlichen Charaktere von Emilie und Erich: Er, voller Leidenschaft und Gefühl, sie kalt und oberflächlich, zeichnen eine düstere Atmosphäre. Auch die Anzeichen eines Krieges verdichten sich und verleihen diesem faktischen Abschnitt um die Person Erich Perle einen dramatischen Rahmen.  Die jüdischen Flüchtlinge, die in die Schweiz kommen, bringen Angst und Kriegsgefahr mit: Nazideutschland droht die Schweiz zu annektieren, wenn die Aufnahme der Flüchtlinge nicht beendet wird. Verunsicherung und Angst prägen das Leben der Menschen und bestimmen ihr Handeln. Ergreifend und bewegend schildert die Autorin, was Menschen  imstande sind zu tun, wenn sie in eine schwierige, verzwickte Lage geraten, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint.  Für Erich Perle gibt es nur eins: Mensch bleiben! Das Glück von Gustavs Eltern ist unter solchen Bestimmungen nur von kurzer Dauer. Miss- und Unverständnis, die Bereitschaft von Erich Perle, jüdischen Flüchtlingen uneingeschränkt zu helfen, werden ihm zum Verhängnis. Angst, Verrat und falsch verstandener Patriotismus zerstören letztendlich das Leben und die Ehe der Perles. Alles, was danach kommt ist Abhängigkeit und Selbstzerstörung, Lust und Laster. Das wird Gustav alles erst Jahre später erfahren. Um das Leben von Erich Perle zu beschreiben, bedient sich Rose Tremain einer ihr bekannten Geschichte „von Paul Grüninger (…) der 1938 Polizeihauptmann des Kantons St. Gallen war“. (aus: Mitya New Switzerland Unwrapped: Exposing the Myths , I.B. Tauris, London, 1997) und entnimmt aus diesem Buch einen Bericht, den seine Tochter Ruth Roduner erinnerte. Ein Stück der wenig bekannten, düsteren schweizer Landesgeschichte! In dritten Teil von 1952 bis 2002, begegnen wir zwei erwachsenen Freunden, die weiterhin ihren Lebensmittelpunkt in Matzlingen haben und sich auf der Suche nach dem Glück befinden. Insbesondere Anton scheint sein Glück noch nicht erkannt zu haben. Anton ist Musiklehrer und immer noch voller Hoffnung, doch noch die eigene Angst überwinden und ein bekannter Konzertpianist werden zu können. Als sich ihm die Gelegenheit dazu bietet, ergreift er sie  voller Hoffnung und zieht nach Genf. Gustav ist Hotelier und Eigentümer des Hotels Perle in Matzlingen. Der Moment als er von Anton alleine gelassen wird und sich verraten fühlt, ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung in seinem Leben. Zunächst verspürt er Stille und Ausweglosigkeit. „Die Stille vor seinem Fenster erinnerte ihn daran, dass er sich in Mittelland befand, jener ruhigen Gegend in der Mitte seines Landes, wo nie viel passierte und die Berge sich deutlich auf Abstand hielten. Und jetzt, dachte er, befinde ich mich selbst im Mittelland meines Lebens, und alles um mich herum brüllt mich an und will, dass ich mein Verhalten und meine Ansichten ändere, und das bringt mich noch um.“ Doch Gustav begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit über seinen Vater und will alles über ihn erfahren, ihm ganz nahe kommen. Das erste Mal in seinem Leben verreist Gustav, entlässt sich aus seinen Gewohnheiten und überlässt sich einer gewissen Unordnung. Erzählerisch ist es ein Intermezzo, eine kleine Bildungs- und Entwicklungsreise, aber : „wir befinden uns außerhalb der Zeit, Gustav. Dieser Ausschnitt unseres Lebens ist ein Zwischenspiel; im Ablauf unserer Tage und Stunden zählt er nicht. Wenn wir wieder abfahren, werden wir genauso alt sein, wie wir waren, als wir ankamen“. In diesem dritten und letzten Teil des Romans gewinnt der Aspekt „Zeit“ eine wesentliche Rolle. Für Gustav ist die Zeit von großer Bedeutung geworden. Er ist durch die Zeitabschnitte des Romans vom kleinen Jungen zum älteren Herren herangewachsen. Er hat sich als zurückhaltender und beherrschter Mensch, eher als Beobachter, verstanden.  Als ein stiller Zeitgenosse. So wünscht er sich nun das „Wesen der Zeit“ zu ändern. Etwas, was er gerne mit Anton versuchen wollte. Ob es ihm am Ende wirklich  gelingt? Was kann ich noch über diesen lesenswerten Roman sagen, was mich beim Lesen berührt oder und auch  zum Nachdenken bewogen hat? Nicht von der Hand zu weisen,  sind die Verbindungen zu Thomas Mann. Sei es , dass es um den Zauberberg geht, oder den Tod in Venedig, vor allem die Zeit als Motiv beziehen sich eindeutig, meiner Meinung nach, auf Thomas Mann. Etwas flach und daher enttäuschend finde ich die stereotype Zeichnung von arm und reich, der sich Rose Tremain bedient. So ist die arme Emilie nicht nur unkultiviert und oberflächlich, sondern auch hässlich. Dagegen ist Adriana, Antons Mutter eine wunderschöne, kultivierte, umfassend begabte Frau. Auch die Klavierstücke, die Anton so fleißig und bemüht für seine Wettbewerbe einstudiert, sind schlicht gewählt in ihrer Symbolik. Allerdings verdeutlichen sie sehr gut die Überforderung für Anton, einem mittlemäßg begabten Mann aus der mittelländischen Schweiz. Letztendlich rückt auch das Happy End in Davos die Erzählkunst von Rose Tremain in die Nähe eines süßlichen Heimatromans.

Und doch mindert das alles nicht die Qualität dieses wunderbaren Romans, die Pracht des Erzählens.