Springe zum Inhalt

Daldossi oder Das Leben des Augenblicks von Sabine Gruber

Erstmals in diesem Jahr wird der Österreichische Buchpreis verliehen. Auf der Shortlist befindet sich auch das Buch Daldossi oder Das Leben des Augenblicks von Sabine Gruber. Für mich ist dieses Buch eine Entdeckung. Ich bin zutiefst berührt von der Geschichte, die auch biografische Elemente beinhaltet, beeindruckt von der starken Erzählkunst, Realität und Fiktion miteinander zu verbinden und der poetischen Sprache, die Sabine Gruber hier einsetzt als schreibe sie einen Song.

Es ist die Geschichte eines in die Jahre gekommenen Fotoreporters, der seinen Job im Zuge der Verkleinerung der Redaktion verloren und sich schon lange dem Alkohol hingegeben hat. Verlassen von seiner Lebensgefährtin begibt er sich nach Venedig, um sie wieder für sich zu gewinnen. Das ist die Rahmenhandlung. In den Vordergrund rücken immer wieder Bilder der Kriege und des Grauens auf, die Daldossi einst als Fotograf aufgenommen hatte und die ihn immer noch begleiten. Sie holen ihn im Alltag immer wieder ein, erzählen Geschichten, die er nicht mehr vergessen kann. Geschichten von Kriegen, Existenzangst, Verlust, Flucht, Überleben und Tod. Daldossi kann diese Bilder nicht auslöschen, kann sein eigenes Leben schon lange nicht mehr bewältigen:

"Bruno Daldossi sondierte seine Umgebung, als säße er mit den GIs oder mit den Tschetschenen in Deckung, als gelte es für die Soldaten, rechtzeitig den Kopf einzuziehen oder im richtigen Moment zu schießen. Er nahm jedes Detail wahr, speicherte jede Hausnummer. Erst bewegte er sich in seiner Gegend, wo die Häuser Nummern um die 4400 hatten, dann wiederum geriet er in Gassen mit Hausnummern um die 5400."

Je intensiver Daldossi seine Kriegsgeschichten mit dem Leser teilt, desto deutlicher wird auch dem Leser, dass es in der Welt keinen Frieden gibt, dass Menschenleben lediglich als Inszenierung für Kriegsbilder dienen, nur für wirtschaftliche Interessen einen Wert haben. "Wenn Sie zum Beispiel Lust auf Schokolade haben, sehen sie sich am besten Photos an, auf denen Schokodesserts abgebildet sind. Nicht nur eines, es müssen viele sein. Sie werden feststellen, dass nach einer gewissen Zeit ein Sättigungsgefühl eintritt und daß Sie danach, wenn Sie Schokolade essen, weniger davon haben wollen." ... Das ganze betrifft nur Leute mit Heißhunger, sagte sie. Schade, ich dachte schon, ich könnte Afrika mit Photos füttern, es wäre meine einzige Chance gewesen, noch einmal Millionär zu werden." Die Roman-Geschichte entstand nachdem Sabine Gruber viele Interviews mit Journalisten und Reportern geführt hatte. Wie sie selbst in der Danksagung schreibt, geht "die Beschäftigung mit dem Thema Kriegsphptographie und Kriegsreportage auf meine Freundschaft mit Gabriel (Grüner) zurück, der am 13. Juni 1999 zusammen mit dem deutschen Photographen Volker Krämer und dem mazedonischen Übersetzer Senol Alit in der Nähe von Prizren im Kosovo erschossen wurde." Was mich so begeistert an diesem Roman ist eine gewisse Poetik, die ich der Sprache entnehme. Da es auch eine Beziehungsgeschichte, eine Liebesgeschichte ist, dreht sich natürlich auch alles um die langjährige, nicht ganz unproblematische Beziehung von Daldossi und Marlis. Ein wenig wie im Song "Am Ende denke ich immer nur an dich"  führt hier auch jeder Gedanke Daldossis über Kriegsschauplätze und Trümmer dieser Welt wieder zurück zum ursprünglichen Motiv: der verlorenen Liebe, dem abhanden gekommenen Leben. Dieser Dreh gelingt der Autorin über Sprache. Sie findet immer wieder die richtige sprachliche Wendung für die Gedanken und Gefühle des Bruno Daldossi und seinem Versuch in den "Frieden" und zur Liebe zurückzufinden. Ein lesenswertes, empfehlenswertes Buch und hoffentlich der erste Österreichische Buchpreisgewinner!!!!

Facebooktwitterrssinstagram
Facebooktwittermail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.