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Der Meteorologe von Oliver Rolin

Meine persönliche Neuentdeckung! Die kurze Lebensgeschichte vom Gründer und ersten Leiter des sowjetischen Wetterdienstes. Ein Leben gewidmet den Wolken, dem Wetter, der Natur und der Ökologie. Alexei Wangenheim hat schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts über Sonnen- und Windenergie gesprochen, meteorologische Messinstrumente entwickelt und war nicht wenig am sowjetischen Vormarsch in der Weltraumforschung beteiligt.

Leider lebte er zur falschen Zeit, am falschen Ort und ward der Willkür der stalinistischen Säuberungen ohnmächtig ausgeliefert. Die Stalin-Walze überrollte täglich die Kinder der Revolution, so kam auch der Staatsmeteorolge an die Reihe und wurde nach Kem, auf die Solowetzki-Inseln deportiert. Voller Hoffnung, doch noch Stalin zum Umdenken bewegen zu können, schrieb er Beschwerdebriefe, aber vergebens. Fast zehn Jahre lebte er auf den Solowetzki-Inseln, dann musste er den letzten Transport in den Tod antreten. Wohin blieb sehr lange unklar, auch wie er zu Tode kam.

Sein Aufenthalt auf den Solowetzki-Inseln war gekennzeichnet von tiefer Trauer über den Verlust des Kontaktes zu seiner Familie und der Nichtausübung seiner Berufung als Meteorologe. Insbesondere seine vierjährigen Tochter fehlte ihm.  Ihr sagten die Eltern, der Vater sei auf Feldforschung. Um diese Aussage zu bekräftigen, aber auch um ihr nahe zu sein, schrieb Alexei Wangenheim zahlreiche Briefe ausgestattet mit wunderbaren Illustrationen der ländlichen Umgebung, zeichnete den Kater, der ihm die langen Tage eträglicher machte, malte das Haus in dem er mit anderen Insassen wohnte und beschrieb auf diese malerische Art den Sommer und Winter. Ebenso liebevoll zeichnete er für seine Tochter Bilderrätsel, kleine Zahlenbilder und erklärte ihr die Formen, Zahlen und Gegenstände der Natur anhand gesammelter Blätter. Neben diesen ausgesprochen zarten und pastellfarbenen Illustrationen - Auszüge aus dem Hebrarium und der Rätsel sind im Buch abgebildet - zeichnet das Buch die Sprache aus. Im journalistischen Ton und nach viel Aktenkunde öffnet Oliver Rolin die „Akte Wangenheim“, erfasst diese so unsagbar unsinnige und traurige politische Opferung mit viel literarischem und journalistischem Gespür. Für die Recherche zum Tod von Alexei Wangenheim unerstützte den Autor die russische Organisation „Memorial“. Der Kontakt zur einzigen Tochter Wangenheims blieb ohne ein persönliches Kennenlernen. So ist diese Lebensbeschreibung eine eloquente Narration und eine Reportage. Am Ende wird die Akte Wangenheim vollständig erschlossen abgelegt werden, aber der Meteorologe wird unvergessen bleiben. Dank dieser wunderbaren Lektüre! Ein berührendes, informatives und aktuelles Buch!

Zu guter Letzt muss ich noch anmerken, dass mich persönlich die Landschaftsbeschreibungen in diesem Buch auf eine ungewöhnliche Weise zu tiefst berührt haben. Das Arbeitslager, die Solowetzki-Inseln, die wohl anliegende Kreisstadt Kem sowie der grausame Ort an dem die Erschießungen stattgefunden haben, sind von ungeheurlicher Schönheit. Auch Alexei Wangenheim beschreibt die Landschaft rund ums Arbeitslager in ausgewählten und schönen Worten, das zeigen auch seine Bilder. Grausam und schön, wie ist das möglich? „Die hundertjährigen Onega-Wälder sind von majestätischer Schönheit“ schreibt Julius Margolin, … (…) „Im Winter sind sie ein Königreich aus weißem Glanz, in allen Farben schimmernd, Niagarfälle aus Schnee und darüber so aquarellzart leuchtende Berstein-, Rosa- und Azurtöne, als stünde über Karelien ein italienischer Himmel.“ Auf einem Fels am Zugang zu der Stätte mahnt heute eine Inschrift: Liudi, nje ubivatje drug druga“, „Menschen erschießt einander nicht“.

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