Die Mississippi Bande von Davide Morosinotto

Eine Abenteuergeschichte – nicht nur für Jungs!

Kinderbücher sind eigentlich nicht mein Fachgebiet. Ich lese zwar ab und an gerne mal ein Kinderbuch, aber hauptsächlich beschäftige ich mich mit Literatur „Erwachsenenliteratur“. Doch dieses Buch über das ich heute schreibe, hat mich in seinen Bann gezogen. Seit meiner eigenen Kindheit – und das ist seehr lange her- habe ich nicht so eine mitreißende, spannende, berührende Abenteuergeschichte gelesen.

Was für eine Abenteuergeschichte: Anfang des 19 Jahrhunderts im Südstaat Louisiana steht am Ufer des  Bayous: „eines Flussarms inmitten des riesigen Sumpfes“,  die Hütte der vier Freunde, die sich dort heimlich treffen.  Hierher zieht es Te Trois, Eddie, die Grille, Joju und ihren kleinen Bruder Tit. Die vier sind eine unternehmungslustige kleine “Bande”,  die raucht, angelt, schnitzt,  und sich vor allem für kurze Zeit dem schroffen Umgang Zuhause und der vielen Arbeit dort entzieht. Der Bayou ist ihr Revier für Abenteuer und das Versteck vor Erwachsenen.  „Allein schon ihn zu erreichen war ein richtiges Abenteuer. (Außerdem kannten wir natürlich die Stellen im Sumpf, an denen man nicht einsank).“ (Zitat: S 10. Die Mississippi-Bande) Neben der selbst gebauten Holzhütte, zählt auch ein selbst geschnitzter Einbaum zum Eigentum der kleinen Kinderbande.
Eines Tages fischen sie eine alte Büchse aus dem Fluss heraus,  die einen wahren Schatz in sich trägt: ganze drei Dollar!  Ein richtiges Vermögen! Aber,  wie soll das Geld auf vier Kinder gerecht aufgeteilt und der Besitz von so viel Geld erklärt werden? Was zu tun ist, ist bald geklärt:  Das bekannteste Versandhaus des Landes,  Walker & Dawn, hat das richtige Angebot für die Kinder: einen Polizei-Revolver.  Die drei Doller reichen für das Vorhaben aus, der Plan wird perfekt ausgeführt.   Als dann eines Tages das sehnlichst erwartete Päckchen ankommt, nimmt das wunderbare Abenteuer seinen Lauf: Statt der Pistole, kommt eine kaputte Uhr an. Damit ist der Ärger noch nicht komplett. Die Eltern erfahren  fast alles. Prügel, Hausarrest, Strafarbeiten sind ihre Strafe für so viel Ungehorsam. Doch das Schicksal meint es gut mit den vier Rabauken. Tatsächlich erfahren sie sehr bald, dass die Uhr gar keine schlechte falsche Lieferung gewesen ist. Das Versandhaus will sie zurück und schickt seine Handelsvertreter ins Land, um die Familie zu finden, die die Uhr erhalten hat. Jedoch wird jetzt der Schlamassel der Freunde noch größer. Denn von der Pistole wissen die Eltern nichts und das muss auch so bleiben. Also reißen die vier aus, fangen den bereits angereisten Vertreter ab und verabreden sich um Mitternacht – so wie es sich für solche Geschäfte gehört – im Bayou, um die Übergabe des Finderlohns und der Uhr vorzunehmen. Was sich dort um Mitternacht ereignet, verrate ich hier nicht, aber es ist der Beginn einer abenteuerlichen Reise, die das Leben der jungen Helden für Immer verändern wird. Wie es sich herausstellt, beträgt der Finderlohn 4000 Dollar und wird nur an denjenigen ausgezahlt, der die Uhr im Versandhaus Walker & Dawn in Chicago, persönlich an Mr. Walker überreicht. Diesen Finderlohn lassen sich die vier nicht mehr nehmen. In ihrem Einbaum paddeln sie auf dem Mississippi  bis nach New Orleans von dort aus auf dem Schaufelraddampfer nach Saint-Louis wo sie den Zug nach Chicago nehmen müssen …

Was ist so Besonderes an dem Buch? – Ich persönlich bin von der spannenden Erzählweise und dem Aufbau der Handlung fasziniert. Ein Abenteuer führt zum nächsten, allerdings sind die Wendungen keine actionreichen Ereignisse, sondern folgen einer schlüssigen Reihe von Geschehnissen. So haben nun mal Lügen kurze Beine und wer lügt, muss zuweilen noch mehr lügen.  Diese Erfahrung machen die vier leider immer wieder. Ohne sie zu verurteilen, beschreibt der Autor wie die kleine Bande lernt zwischen Gut und Böse zu entscheiden, neue Fehler macht,  Vertrauen und Verbündete sucht und auch findet. Dabei weiß der Leser aber nie, ob es ihnen auch wirklich gelingen wird, Menschen zu finden, die sie verstehen und ihnen helfen werden. Die Handlung wirkt nie konstruiert, aufgesetzt oder vorhersehbar. Das genau ist das besondere an dem Abenteuerroman.  Die Neugierde des Lesers – zumindest meine – am Fortgang der Handlung, ebbt nie ab. Mal ist es die berührende Erzählweise über das Elternhaus, mal sind es die Begebenheiten in Amerika zu Anfang des 19 Jahrhunderts, die in die Handlung einfließen und so einen überaus interessanten historischen Kinderroman mit sachkundigen Themen entstehen lassen.  Mich haben die Beschreibungen rund um den Mississippi, die Maschinerie des einzigartigen Fluss-Dampfers sehr beeindruckt. Kleine interessante Errungenschaften, zum Beispiel die Entwicklung der ersten Schließfächer oder moderner Lagerlogistik, schließen so manche Wissenslücke – auch bei Erwachsenen!

Darüber hinaus lese ich etwas heraus, was in den Kinderbüchern gar nicht mehr so thematisiert wird. Und an dieser Stelle sehe ich die Verbindung zu den Kinderbuch-Klassikern von Mark Twain oder Charles Dickens. Es ist die Kindheit, die gar keine ist. Dies hat der Autor sehr gut aufgezeichnet und dargestellt. Das vermeintlich unbeschwerte Spiel am Flussufer, fischen, angeln,  … keine Verantwortung haben. Nein, diese ungetrübte, leichte “Freizeitgestaltung” ist den vier Freunden alles andere als vergönnt. Ihre Kindheit besteht aus harter Arbeit, Armut, aus Schlägen, Hunger und zuweilen Rassismus.

Den Aufbau habe ich auch kurz erwähnt: Der Abenteuerroman besteht aus vier Teilen – so viele Mitglieder zählt auch die Bande. Jeder Teil wird aus der Perspektive eines der Kinder erzählt, auch aus seinem Lebensbereich heraus. In Rückblenden erzählt jeder auch über seine Familie. Jedes der vier jungen Helden hat ein schweres, ein von Armut und Schroffheit gezeichnetes Leben. Sie leben zumeist mit nur einem Elternteil und vielen Geschwistern zusammen, das Essen ist knapp, die Kleidung ist abgetragen und fransig,  kaum einer kann lesen und die Schule regelmäßig besuchen. Das Sumpfland ist nur schwer zu bearbeiten, das Geld ist mehr als knapp und jede arbeitende Hand trägt zum Überleben bei. Unter diesen Umständen ist die Verbindung der vier Kinder untereinander sehr familiär. Sie stehen für einander ein und geben sich ein wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung.  Jeder von Ihnen hat seine Schwächen und Stärken.  So ist Te Trois der Abenteurer, voller Unternehmungsgeist und Tatendrang. Er steht seinen Freunden treu zur Seite, verteidigt sie und ist insbesondere für Joju und ihren Bruder Tit eine große Stütze. Er ist ein schneller Läufer, ein Kundschafter, ein flinker Handwerker. Seine vielseitige Begabung bringt die Bande auf ihrer Reise immer gut voran.
Da ist Eddi, eher zurückhaltend, immer voller Sorgen, genau 112 Sorgen stehen auf seiner Sorgen-Liste zum Zeitpunkt des Aufbruchs in das Abenteuer. Eddi ist auch etwas arbeitsscheu, aber dafür ein richtig guter Schamane. Er “spricht” mit den Tieren und erkennt als geduldiger, ruhiger Beobachter die Naturereignisse noch bevor sie geschehen. Der Indianer Joe ist sein Lehrer und bringt ihm bei, was es heißt ein Medizinmann und Schamane im Einklang mit der Natur zu sein. Eddi ist ein wenig der Außenseiter: Er kommt aus einigermaßen geregelten Familienverhältnissen und kann als einziger richtig gut lesen. Als einziges Mädchen der Bande ist Joju, eine kleine rothaarige Südstaatenschönheit, mit von der Partie. Sie weiß sich durchzusetzen und erstaunt die kleine Truppe, aber auch den Leser,  immer wieder mit weiser und guter Menschenkenntnis. Auf Jojus Urteil ist immer Verlass. Ja, sie kennt die Menschen, kann sie gut und schnell einschätzen und ist aber auch  sehr verschlossen. Sie lässt nichts an sich heran, ihre Gefühle kennt keiner, und sie ist wie Te Trois, eine hervorragende fleißige Handwerkerin. Doch an erster Stelle ist sie die Schwester von Tit. Tit  – von Pétit, der Kleine –  ist das jüngste Mitglied der Mississippi-Bande und mitdabei ist er nur, weil ihn Joju nicht aus den Augen lässt. Tit und Joju können kaum unterschiedlicher aussehen. Tit ist “schwarz” und Joju “weiß”. Die Geschwister werden deshalb gemieden und der Kontakt mit Joju und Tit ist allen Kindern im Dorf verboten. Tit spricht so gut wie nicht aber dafür liebt er Zahlen.  Als die kaputte Uhr statt des Polizei-Revolvers ankommt, kann Tit sich nicht mehr von dem tickenden Chronometer trennen. Immer wieder zieht er die Uhr auf, die klickt und klackt und natürlich weiß er genau bei welchen Zahlen das Ticken und Klacken einsetzen.  Als Kinder einer armen Witwe, die, wegen ihres schlechten Lebenswandels, an den Rand der Stadt vertrieben wurde, haben es Joju und Tit nicht leicht . Nur Te Trois und Eddi geben ihnen Halt und Rückhalt. Auf der Reise ist es für Tit sehr gefährlich: Mal bekommt er keine Limonade, weil er ein „Neger“ ist, mal muss er auf dem Dampfer als „Diener“ der weißen Kinder getarnt reisen, und in Chicago wird er von der Schwester getrennt. Doch ist es gerade Tit und seiner Liebe für Zahlen zu verdanken, dass am Ende jene Zahlenkombination aufgelöst wird, die zum Schatz führt. Nicht umsonst heißt es im Untertitel des Buches: Wie wir mit drei Dollar reich wurden.

Das absolute Highlight sind die vielen ganzseitigen, schwarz-weißen Zeichnungen, die die Geschichte vollends ergänzen und vervollständigen. Am Ende eines jeden Abschnitts finden kleine und große Leser eine Landkarte, oder eine Produktbeschreibung, Informationen und Einzelheiten zu den Gegenständen und Ereignissen rund um die Handlung. So ist in den kleinen Infokästschen nachzulesen, warum Glücksspieler auf dem Mississippi-Dampfer ungestört und ungestraft Karten spielen durften. Die Zeitungsausschnitte erklären den großen Wert, den die kaputte Uhr haben soll sowie die Bedeutung und Rolle der ermorderten Miss Dawn, die das Versandhaus selbst aufgebauct hat. Ja, die Mississippi-Bande ist eigentlich von Anfang dieser mysterösen Mordgeschichte auf der Spur!

So, und nun wünsche ich allen interessierten Lesern viel Spaß und Freude an dem Buch, lest es langsam, genießt es oder lasst es euch einfach schön vorlesen.


 

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