Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Was für eine literarische Neuentdeckung! Wirklich meisterhaft geschrieben von L.L. Carr, sein bekanntestes  Werk, welches 1980 für den Booker-Preis nominiert war.  In diesem Jahr erstmals auf Deutsch erschienen, übersetzt von Monika Köpfer  für den Dumont Verlag. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kommt der junge Restaurator Tom Birkin in die Gemeinde Oxgodby, um ein Wandgemälde in der Kirche freizulegen.

„Mittelalterliche Wandmalerei bediente sich in der Regel aus einem abgegriffenen Vorlagenkatalog. Zunächst sind da meistens drei Wollüstige, zuerst genüsslich ausschweifend, dann von Höllenqualen gepeinigt; ferner der heilige Christophorus, der mit dem Christuskind auf den Schultern zwischen Fischen und Meerjungfrauen hindurchwandert; und nicht zu  vergessen diese langweiligen weiblichen Heiligen, die stoisch das Rad, die Streckbank oder das Zerteilen durch das Schwert über sich ergehen lassen (diese Szenen passen sehr gut auf die Wände der Seitenschiffe oder über die arkaden.) Doch die großflächige Wand zwischen Chrobogen und Dachbalken war fast immer einer ganz besonderen Darstellung vorbehalten – der des Jüngsten Gerichts.“ Tom Birkin ist noch vom Krieg gezeichnet, sein Gesicht erlitt eine Nervenverletzung, seine innere Anspannung und Verletztheit sitzen tief, seine Bedürftigkeit ist groß. Frisch angekommen, trifft er auf den Gemeindereverend Keach, der sich im Auftrag der Erben, um die ordnungsgemäße Ausführung der Arbeit und Auszahlung des vereinbarten Lohns kümmern wird. Die erste Begegnung verläuft unter Anspannung: „In Wahrheit dachte er, dass er sich keineswegs auf mich verlassen konnte. Ich sah durch und durch unzuverlässig aus; mein Mantel verriet mich. Mein Gesicht, die linke Hälfte ebenfalls. Wie dieser Bankdam-Crowther neigte sie krampfartigen Zuckungen. Menschen wie Reverend Keach riefen es geradezu hervor. Es begann bei meiner linken Augenbraue und setzte sich bis zum Mund fort. Ich hatte es mir in Passchendaele eingehandelt und war damit nicht der Einzige. Die Ärzte meinten, es würde sich mit der Zeit wieder legen. Dass Vinny davongelaufen war hat es auch nicht gerade besser gemacht.“ Mr. Birkin hofft in der abgelegenen Gemeinde innere Ruhe zu finden und nach langer Zeit, einen ersten beruflichen Auftrag erfolgreich ausführen zu können. Um das wenige Geld, das ihm ausgezahlt werden soll zu sparen, wohnt er im kargen und kalten Kirchenturm. Jeder Sommertag und jedes freigelegte Stück des Freskos, jede neue Begegnung mit den Menschen in Oxgodby  und mit jenen in umliegenden Dörfern, geben im Kraft und Vertrauen, lassen ihn immer ruhiger und freudiger werden. Dieses lesenswerte, schlaue Buch über das Leben, die Kraft und den Glauben, über verpasste Momente und einen Sommer, der immer in Erinnerung bleiben wird, lege ich Ihnen in die Hände und ans Herz, Sie werden es auch mit großer Freude lesen. Besonders hervorheben will ich die Beschreibung des Wandgemäldes. In der Darstellung des Porträts, prachtvoll in den Farben, entdeckt der Restaurator ein außergewöhnliches Meisterwerk: „Meiner Meinung nach hätten sich sogar die italienischen Meister noch etwas von diesem Kopf abschauen können. Das war kein Christus aus dem Katalog, unerträglich blass und ätherisch. Das hier war ein frostiger Vertreter der harten Linie. Gerechtigkeit ja, Gerechtigkeit würde er erteilen. Aber keine Gnade. Das sprach aus jedem seiner Züge, und als ich am Ende der Woche bei seiner erhobenen rechten Hand angelangt war, sah ich, dass dies keine geheilte Hand was, sondern eine noch immer durchstoßene.“ (S.43) Dieser „Oxgodby-Christus“ wie ihn Tom Birkin nannte, traf tief in die kriegsverletzte Seele des jungen Restaurators: ein anklagender Christus, der über den Köpfen der Gemeinde zu thronen schien, und auch Reverend Keach zur Rechenschaft zog und fragte: „Ha! Nun sagt: Habt ihr den Hungrigen zu essen gegeben den Dürstenden zu trinken? Und den Nächten Kleidung? Habt ihr die Fremden und Obdachlosen aufgenommen, die Kranken getröstet und die Gefangenen im Gefängnis besucht? Und was ist mit dem armen Birkin, hat jemand von euch ihm Tisch und Bett angeboten?“ Sprachliche Eleganz ist wohl wirklich die genaue Beschreibung der Erzählkunst dieses neu entdeckten Autors. Besonders, wenn es um die kurzen, verpassten Momente im Leben geht. Die kurzen verpassten Momente im Leben, die lang und schmerzlich in Erinnerung bleiben, aber nicht mehr wiederzubekommen sin: „Sie sind für immer verloren, und man kann nur warten, bis der Schmerz über den Verlust nachlässt.“ Man kann sich aber auch über den Schmerz und den Verlust eines so wunderbaren Buches bedienen …

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