Josefines Jakobsweg – Susanne Konrads Rezension des Buches “Die Zeitenbummlerin”

Josefines Jakobsweg
Rezension des Buches
„Die Zeitenbummlerin“ von Leonie Faber, 
München: Knaur, April 2016.

Sie ist 52 Jahre alt, freie Mitarbeiterin für verschiedene Fitness- und Healthmagazine und soeben von ihrem Freund verlassen worden, einer Jüngeren wegen.Sie denkt ihr Leben neu, schwingt sich aufs Rad, um zu erleben, wie es ist, mit sich selbst konfrontiert zu werden und daran zu reifen. Ihr Weg führt bis an die Ostsee und darüber hinaus nach Dänemark und Norwegen, denn ihre Absicht ist es, Interviewpartner zu treffen, mit denen sie über Verlangsamung der Lebensprozesse in einer hektischen Gesellschaft, über Entschleunigung also, reden kann. Die Route ist minutiös vorgeplant, die Termine festgezurrt, die Pensionszimmer gebucht. Und dennoch gerät der Trip, der Josefine Neidhard nicht nur an ihre körperlichen Grenzen bringt, zum Abenteuer. Er wird zu ihrem persönlichen Jakobsweg, an dessen Ende eine andere steht: kraftvoll, innerlich gefestigt, allem Neuen, das kommen wird, gegenüber gelassen. Um das zu erreichen, muss Josefine viele Stationen meistern, die einander übertreffen: Sie lernt die zwei älteren Männer Michel und Bernhard kennen, die ihre Freiheit am Meer gefunden haben. Sie trifft den faszinierenden Wissenschaftler Jörn Weil, der als Dschungelkind aufgewachsen ist und mit seinen Berichten Geld macht – eine wichtige Begegnung für Josefine, deren Vater ein Bergsteiger war und so viel von seiner Familie gefordert hatte, bis ihre Mutter bei einem Lawinenunglück ums Leben kam. Zuletzt folgt sie den Spuren der ominösen Luna Wolf bis nach Norwegen, lässt sich von der spirituellen Kraft der schamanenhaften Taucherin beeindrucken, bis am Ende sie selbst die Stärkere ist.
Warum hat mich dieses Buch so interessiert, warum hat mir das Lesen so viel Vergnügen bereitet? Zunächst einmal wegen der 50+-Generation. Wie wird diese Altersgruppe hier beschrieben? Gibt es eine neue Literatur, deren Heldinnen dieser Altersgruppe angehören? Was früher vierzig war, ist heute fünfzig? Und mit welchen Klischees wird hier agiert? Der schlaffer werdende Körper, das Verlassenwerden wegen einer Jüngeren, die dann auch noch schwanger wird, die schwindenden beruflichen Perspektiven. Horroralter 50+! Aber der Roman räumt mit diesen Vorstellungen auf, die Erzählerin lässt ihre Hauptfigur alle diese Hürden überwinden. Dies in einer Gemengelage zwischen behäbig-bürgerlich-kontrollierten Lebensgewohnheiten und einem sportlich-asketisch-spirituellen Style.

Damit wäre ich beim zweiten Thema, dem Genre. Mit was für einem Werk habe ich es hier zu tun? Ist es U oder ist es E? Ist es ein Unterhaltungsroman oder ist es Literatur? Zuletzt: Ist der Text ironisch oder ernst? Meistens gibt der Schluss, die Auflösung, sachdienliche Hinweise, wie ein Buch gemeint ist, doch hier werden bis zum Ende ambivalente Spuren gelegt. Die Nachdenklichkeit der Selbstreflexion der Heldin sprechen für „E“, die Zufallskoinzidenzen, mit denen Fügungen durch äußere Ereignisse herbeigeführt werden, sprechen wiederum für „U“, streng genommen für den Trivialroman.

Doch scheint sich die Autorin dessen genau bewusst zu sein, denn sie spielt durch den ganzen Text hindurch mit Aberglauben, Symbolik und dem unwillkürlichen Zusammentreffen von Eigenschaften. Das heißt, sie lässt Josefine damit spielen. Überall wittert Josefine Zusammenhänge: Als sie 13 war, starb ihre Mutter. „M“ ist der 13. Buchstabe im Alphabet und mit „M“ beginnen die Vornamen sämtlicher Frauen, denen Josefine begegnet. Während der ganzen Radtour betreibt sie Buchstabensymbolik und spielt mit Sprachassoziationen:

„Nur die Kühe wären Zeuge. Um sich von ihrem Unbehagen – okay: ihrer Angst – abzulenken, dachte sie darüber nach, ob diese nicht ein Titel wäre für einen Krimi, natürlich ohne Konjunktiv: Nur die Kühe waren Zeuge. Musste es nicht Zeugen heißen? Aber der Plural klang weit weniger verheißungsvoll, und sie erfand Variationen im Singular: Nur die Kuh war Zeuge. Eine Kuh als einzige Zeugin. Und schon war sie vorbei. An den Kuhzeuginnen und an dem Sprinter.“

Es hat mich beschäftigt, dass sie es so unbefangen tut. Josefine, aber auch die Erzählerin und nicht zuletzt die Autorin selbst. Wann habe ich zuletzt daran geglaubt, dass Wortspiele Energien freisetzen? Mit zwanzig vielleicht... Aber die Sprach-, Symbol-, und Buchstabenspielerei ist eng verwandt mit der betonten Zufalls-Thematik, aber auch einer weiteren Ebene im Text, das sind die Zeitphänomene des 21. Jahrhunderts. Das geht bis hin zur Flüchtlingswelle um 2015, die an markanten Punkten durch den Text wabert.

Alles ist von den Kommunikationsformen des digitalen Zeitalters durchdrungen: Da wird gesimst, gewhatsappt, wichtige Entscheidungen fallen per Smartphone, auch über Ländergrenzen hinweg. Ein zentrales Medium ist facebook, wo die Heldin ihren Trip dokumentieren soll und für das sie ständig Kurzmitteilungen formuliert: Die  Notizen sollen immer glücklich und erfolgreich klingen, denn ein depressiver Unterton ist verboten, wenn man sich vermarkten will. Aber dieser entweicht der Schreiberin Josefine dennoch immer wieder, unfreiwillig, vor allem während der ersten Hälfte der Reise. Am Ende hat sie einen sichereren Ton. Leonie Faber ist eine genaue Beobachterin, die messerscharf analysiert, wie die Kommunikationsformen unserer Zeit in die Privatsphäre eindringen und diese bestimmen. Niemand will durchschaut werden, jeder muss sich präsentieren, jeder versucht ein Minimum an Privatsphäre zu schützen, niemandem gelingt die Verbindung zwischen medial vermitteltem und unmittelbarem Erleben – ein zentrales Thema dieses Buches. Bei aller Naturverbundenheit, bei aller Steigerung des Wohlbefindens durch mehr Sport, bleiben die Medien bis zum Schluss präsent – sogar die finale Auflösung wird indirekt durch Handybotschaften vermittelt.

„Die Zeitenbummlerin“ ist ein lesenswerter Roman, der die Phänomene unserer Zeit präzise registriert und in der Erzählhandlung umsetzt. Vielleicht tut er es fast zu sehr, denn was ist, wenn in fünfzehn Jahren niemand mehr wissen sollte, was „WhatsApp“ ist, wer „Facebook“ war und was man mit einem Smartphone gemacht hat?! Könnte es sein, dass das Buch dann an Aktualität verliert, nicht mehr so recht lesbar ist? Aber das muss die Zeit entscheiden,  durch die Josefine auch in Zukunft, nach ihrem persönlichen Jakobsweg glücklicher als zuvor, weiterbummeln wird.

Susanne Konrad

Das Buch Die Zeitenbummlerin ist im Droemer Knaur Verlag als Taschenbuchausgabe erschienen. Erhältlich über Eure mobilebuchhandlung.net !
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