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Neringa oder die andere Art der Heimkehr

In den Frühjahrsvorschauen des mare Verlages fiel mir sofort der neue Roman von Stefan Moster auf.  Dankenswerterweise erhielt ich vom Verlag ein Leseexemplar und erfreute mich auch bester Lektüre. Im buchhändlerischen Sinne ist diese Frühjahrs-Neuerscheinung keine  Novität mehr. Die Verlage verschicken ja schon die Herbstprogramme. Doch bleibt es meine Frühjahrs-Neuentdeckung:

Neringa oder Die andere Art der Heimkehr ist eine besondere Geschichte, die bereits mit einem außergewöhnlichem Buchcover beginnt:  eine Schwarz-Weiß-Fotografie eines Pflastersteinbodens, ein Platz von oben aufgenommen, mit zwei halbrunden Bänken, einem nicht geschlossenen Kreis. In jedem der Halbkreise sitzt eine Person. Eine Fotografie, die man lange anschaut. Etwas enttäuscht war ich zuerst von der Themenwahl:  Ich dachte nur; „Nein, bitte nicht noch ein Buch über die Großvätergeneration!“ Ein aktueller Trend in der deutschsprachigen Literatur. An einer Stelle im Buch, so ziemlich am Ende, sinniert auch der Protagonist über den „Erinnerungskult“! Aber, geht es wirklich ums Erinnern?

Ein namenloser Mittfünfziger  versucht im Kino zu entspannen und wird durch eine Szene, die Kulisse einer Szene, in die eigene Familiengeschichte hineinversetzt. Der Mont-Saint–Michel, der Inselberg, ist das Motiv, welches die Erinnerung ins Rollen und die Handlung in Bewegung bringt. In  Sequenzen und Rückblenden wechselt die Szenerie zwischen Hier und Jetzt, vom namenlosen Helden als Unternehmensberater und Ideen-Entwickler, der sich Zeit seines Lebens mit Gemütsverstimmungen in psychotherapeutischer Behandlung befindet, zum Leben seines Großvaters.

„Es war, wie wenn nach einem bewegenden Film das Licht angeht und man sich in einem kahlen Kinosaal wiederfindet. Es war eine Desillusionierung. Ich deutetet sie als Mahnung, mich beim Blick auf die Vergangenheit nicht der Nostalgie hinzugeben, sondern das erinnern strategisch anzugehen.“ (Seite 30)

Als Pflasterer übte der Großvater einen handfesten und bodenständigen Beruf aus: „Auf Pflaster kann man gehen, wer Steine verlegt, schafft eine Grundlage, die anderen dient.“(..) Ziele hatte er weiter keine, erst recht keine Visionen. Broterwerb nannte man das. Mit dem Thema Motivation wird er sich nie beschäftigt haben. 

Er identifizierte sich mit seinem Handwerk, eben weil es Handwerk war. Weil er es gelernt hatte und weil die nötige Kompetenz dafür in seinen Händen steckte.“ (S.230)

Dem gegenüber steht der Berufsmensch des 21. Jahrhunderts. Ein namenloser Enkel, Repräsentant einer Generation, die sich mit „gewichtigen“ Begriffen wie Identität und Motivation oder Heimat zu definieren versucht. Begriffe, die die Großväter gar nicht kannte.

„Er hatte die Heimkehr gekannt, die eine, große aus dem Krieg, aber auch die alltägliche, nachdem er in Frieden gearbeitet hatte. Heimkehr hieß, nach der Arbeit von angenehmer Wärme oder Kühle empfangen zu werden, je nach Jahreszeit,(…)“ S. 91

In seiner gewohnt klaren aber sehr warmherzigen Sprache verdeutlicht hier Stefan Moster den Aspekt der Privatwirtschaft. Diese Privatheit des menschlichen Seins wird in der Literatur kaum in diesem Umfang thematisiert. In Neringa oder Die andere Art der Heimkehr wird der Wandel, der in den letzten sechzig Jahren stattgefunden hat, insbesondere in Bezug auf die private, berufliche Entwicklung des Einzelnen thematisiert. Der handfeste Handwerker ist nun verloren, der neue Mensch ist ein Techniker, ein Spezialist, ein Beherrscher:

„Wir müssen die Computer beherrschen, anstatt uns von ihnen beherrschen zu lassen.(…) S.73.

Ist hier die Rede von einem homo technicus womöglich?

Eine besonders schöne und raffinierte Erzählung, die so viele wichtige Gedanken in Worte fasst und es dem Leser überlässt sich auf die Suche nach Antworten zu begeben! Ist es ein Heimatroman? Eine Familiengeschichte? Ein Gesellschaftsroman? Ein Globalisierungsroman? Ja und Nein! Sicher ist es ein lesenswertes Buch, ein wenig ein Männerbuch und vor allem, ein sehr kluges Buch!

Stefan Moster ist ein deutschsprachiger Autor, der in Mainz geboren wurde und vorwiegend in Finnland lebt; er übersetzt auch finnische zeitgenössische Literatur ins DeutscheNeringa, oder die andere Art der Heimkehr ist sein vierter Roman. Ich schätze den Schreibstil und die Themen des Autors sehr. In seinen Romanen beweist Stefan Moster immer wieder, welch ein genauer Beobachter unserer Gesellschaft er ist und wie einfach es sein kann, ohne viel Aufdringlichkeit schöne und engagierte Literatur zu verfassen.

Seine Romane sind alle im mare Verlag erschienen:

Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels (2009)
Lieben sich zwei (2011)
Die Frau des Botschafters (2013)

Alle Buchtitel können auch bei mir bestellt werden: www.mobilebuchhandlung.net oder hier im Shop.