Sturm von J-.M.G. Le Clézio

Sturm von J.M.G. Le Clézio ist eine Neuerscheinung im Kiepenheuer & Witsch Verlag,  und meiner Meinung nach, ein ganz besonderes Buch.  Für mich ist es das erste Buch des Nobelpreisträgers Le Clézio,  und ich bin ganz angetan von seinem  Schreibstil, der ausgewählten Sprache  und  den Themen seiner Kurzprosa. Die literarische Gattung  Novelle setzte Le Clézio meisterlich  um. Für mich persönlich sind das gänzlich unbekannte Gegenden in denen sich die Handlungen abspielen, auch die Lebensumstände seiner Protagonisten sind mir bislang fremd geblieben. Auch in der europäischen Literatur wird natürlich Gewalt, Unterdrückung, Ausgrenzung, Heimat und Identität thematisiert, aber die Lektüre von Le Clézio stellt dies aus einer anderen Perspektive dar.

Oft werden nur Andeutungen gemacht und viele Fragen bleiben unbeantwortet,  viele der beschriebenen zuweilen grausamen Fehlleistungen sind erträglich dargestellt, so dass ich mich zwischendurch fragen musste: “Will ich Verständnis aufbringen”? Die erste Novelle „Sturm“  erzählt vom Journalisten Philip Kyo, der auf die koreanische Insel Udo kommt. Hier will er seiner verlorenen Liebe aufspüren, einer Frau, die er selbst ins Unglück stürzte. Während Kyo die Insel durchstreift, holen ihn die Bilder seiner Vergangenheit ein. In Rückblenden erinnert sich der Journalist an seine Verfehlungen, an Ereignisse, die ihn bis ins Innerste aufgewühlt haben. Eines Tages lernt er die dreizehnjährige June kennen. Für beide wird die Begegnung auch Veränderung bringen. Als Ich-Erzähler treten beide Protagonisten in den Vordergrund und dem Leser werden zwei Perspektiven einer neuen Begebenheit offenbart, einer – stellenweise, wie ich finde, fragwürdigen – Freundschaft zwischen Kyo und dem Mädchen beschrieben. Die zweite Novelle „Eine Frau ohne Identität“ spielt in Afrika und Frankreich, es ist eine Familiengeschichte, eine Erzählung über Heimat, Identität und Fremde. Themen, die derzeit viel hinterfragt und besprochen werden. Le Clézio beschreibt hier eine junge Frau, der Ausbeutung und Ausgrenzung widerfährt, die ungeliebt und verraten wird. Rachel lebt mit ihrer Familie in Afrika, ihre leiblichen Eltern kennt sie nicht, den Mann und die Frau, die sie angenommen haben, nennt sie Papa und Mama. Zu ihrer kleinen Schwester Bibi hat sie ein inniges Verhältnis, Rachel ist ihre Beschützerin. Besonders, wenn Mama und Papa streiten und handgreiflich werden. Mama versteckt ihre Abneigung, ihren Hass für Rachel nicht, lässt sie spüren, wie unerwünscht und geduldet sie ist, Papa ist ein hilfloser und feiger Mann. Schon bald trennen sich die Eltern und die Familie muss Afrika verlassen. Auf der Reise in ein neues Leben überqueren sie das Meer und vollziehen damit eine Trennung auch innerhalb der Familie, aber auch zur Heimat selbst! Für Rachel wird das Leben in Frankreich nicht einfacher werden: sie wird weiterhin für ihre Schwester die Verantwortung tragen, sich um sie kümmern, sorgen, und sich elbst dabei gänzlich vergessen.  Für beide Mädchen ist es sehr schwer in Frankreich Halt im Leben und der neuen Umgebung zu finden. Drogen, Gewalt und Verwahrlosung bestimmen das Geschehen. Nach einem tragischen Vorfall, verlässt Rachel endgültig die Familie, beginnt eine Suche nach ihrer leiblichen Mutter, und sich selbst. Letztendlich wird Rachel nach Afrika zurückzukehren, ein neues Leben beginnen, eine neue Lebens-Geschichte schreiben.


 

Facebooktwitterrssinstagram
Facebooktwittermail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.