Tochter des Diktators von Ines Geipel

Vor ein paar Wochen erschien im Klett-Cotta Verlag ein Buch, das nahezu still und leise, am Büchergeschehen vorbei, in den Handel kam.  Leider!

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Es ist eine besondere Lektüre, weil sie außerhalb der Thementrends liegt, die in diesem Jahr den Buchmarkt prägen – und doch wieder nicht: auch hier spielt das politische Europa eine Rolle! Was macht das Buch also so besonders? Das ist auf jeden Fall die dokumentarische Erzählweise der Autorin Ines Geipel,  die Fakten und Fiktion sehr abgestimmt und literarisch miteinander verbindet. Es sind die Umrisse einer politischen Nachkriegsentwicklung in Europa, die alles andere als friedlich abgelaufen ist – die Folgen sind heute deutlich erkennbar. Es sind die Leben der Menschen, die von diesen politischen Unruhen beeinflusst wurden – bis heute.

Zum Inhalt:

Ines Geipel beschreibt in “Tochter des Diktators” die Liebe zwischen Beate Ulbricht – Tochter von Walter und Lotte Ulbricht –  und dem italienischen Kommunisten Ivano Matteoli. Sie sind beide um die 20 Jahre jung, als sie sich  -1961- beim Studium in Leningrad kennenlernen und verlieben. Es ist eine sehr innige Liebe –  sehr ungewöhnlich für zwei so junge Menschen.  Es ist auch eine Liebe, die nie richtig frei ausgelebt werden kann. Alle Versuche des jungen Paares, sich dem Druck der prominenten Polit-Eltern und ihrer Macht zu widersetzen, sind nicht geglückt. Verbote, Alkoholismus und häusliche Gewalt, Entmündigung, werden Beates Leben nach der Zwangsscheidung von Ivano, prägen.  Ivanos biografischer Werdegang bleibt  so gut wie unbeachtet, aber auch er, wird in seinem Leben nicht mehr zur Ruhe kommen. Getrennt, vergessen, ausgelöscht, kommen sie  beide zu Tode –  Beate in Ost-Berlin 1991, Ivano in Rom 2007 – beide erschlagen.

Dokumentarische Erzählung:

Ines Geipel gelingt mit dieser kurzen Erzählung eine dokumentarische Aufzeichnung politischer Ereignissen der Nachkriegszeit, die heute kaum noch erinnert werden. Auf knapp 200 Seiten und mit einzelnen Fotografien ausgestattet, nährt sich die Autorin sehr zaghaft, zwei jungen Menschen, die  sich einfach nur ineinander verliebt und zur falschen Zeit am falschen Ort eingefunden haben.
Für die Erzählung konzipiert die Autorin, die Ich-Erzählerin Anni Paoli, eine Kunststudentin „… die Letzte, die Einzige von uns, die noch weiß.“ Anni weiß tatsächlich viel. Sie ist die Chronistin, die investigative Freundin Ivanos.  Im Auftrag der Autorin Ines Geipel,  zieht Anni einen zeitlichen und geopolitischen Bogen: Vom toskanischen Dorf Cigoli bis nach Paris, Leningrad und Ost-Berlin, vom Jahr 1945 bis zum Jahr 2007. In einigen Rückblenden berichtet sie über die Unruhen in Italien und Frankreich, umreißt den Mauerbau, die angespannte politische Lage zwischen Ost und West. An einer Stelle im Buch heißt es etwa: “Nachkriegszeit ist Vorkriegszeit!” Der Handlungsverlauf findet in einzelnen Kapiteln statt, die außergwöhnliche Titel tragen: ” Anni, was ist denn? Komm doch!” oder “Im von der Sonne abgewandten Teil des Mondes”, zum Ende “Jede Epoche hat ihre Hafenarbeiter” und am Ende “Alles sehr kontinental”! Dabei beschreibt sie insbesondere das Schicksal der Menschen in Cigoli, aber auch die Studentenbewegungen in Paris, und sie bleibt immer auf den Spuren Ivanos.  Über Beate Ulbricht selbst, kann die Erzählerin Anni nur zitieren. Beas Leben als Adoptivtochter –  „das erste Staatskind der DDR“ – der Ulbrichts, einer mächtigen politischen Familie,  wird nur aus Annahmen, aus Berichten Dritter rekonstruiert.

„Und sie, unterbrach ich ihn, was ist eigentlich mit ihr? Wir rauchten beide. Ivano sagte: Ich weiß bisher nur, was sie über sich selbst erzählt hat. Dass sie letztlich auch eine Maria ist. Sie hieß anfangs Maria Pestunowa und ist zwei Jahre jünger als wir. Jemand hat ihr später erzählt, dass sie die Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin ist, die kaum zehn Wochen nach ihrer Geburt bei einem Bombenangriff in Leipzig ums Leben kam. Einen Vater hat es nicht gegeben, zumindest konnte sie nichts über ihn in Erfahrung bringen. Ein älterer Mann fand sie zwischen den Trümmern und gab sie beim Leipziger Jugendamt ab. Von dort wurde sie in ein Dresdner Waisenhaus gesteckt.“ (Auszug aus: Ines, Geipel. „Tochter des Diktators.“ Klett-Cotta, 2017. iBooks.)

Ines Geipel lässt Anni zum Ende des Buches hin, in Bezug auf Beates Leben,  viel recherchieren. Sie spürt Nachbarn und Bekannte von Beate in Berlin nach, sie spricht mit vielen Zeitgenossen von Ivano in Cigoli. So sagt Anni an einigen Stellen im Buch: “so könnte es gewesen sein”, wenn sie Beas Gespräche mit den Adoptiveltern Ulbricht nacherzählen möchte …Die Ulbrichts werden als machtliebende und mächtige Eltern beschrieben.  Warum sie Beate letztendlich wirklich adoptiert haben, bleibt unklar. Zu banal wäre es zu behaupten, sie wollten ein Vorzeigekind. Oder doch?! Diese Frage lässt Ines Geipel offen! Liebe und Zuneigung hat Beate von den Ulbrichts niemals bekommen.  Walter Ulbricht bedachte Beate nicht im Testament, er hinterließ alles seiner Tochter aus erster Ehe, die er so gut wie nicht kannte. Lotte Ulbricht nahm Bea die Kinder weg, entmündigte sie und setzte sie unter ihre Vormundschaft.  Auch Lotte Ulbricht hinterließ Beate nichts. Warum so viel Ablehnung und Abweisung? Warum ließen sie ein Kind, einen Menschen, so derart  verwaisen? Warum lehnten sich die Ulbrichts so gegen Ivano Matteoli auf? Beim Lesen suchte ich immer wieder nach möglichen Antworten im Roman selbst. Aber ich fand keine.

Mein Eindruck: Kein einfach zu lesendes Buch.  Am Anfang sind die Zeitsprünge, die zeitlich versetzte Handlungsentwicklung, etwas unübersichtlich. Das ist aber umso lesenswerter, je mehr die beiden Protagonisten in den Mittelpunkt der Handlung rücken, je mehr die Ulbrichts in die literarische Betrachtung geraten. Nicht immer muss und kann man die Meinung der Autorin teilen – war die DDR wirklich ein Gefängnis, ist Walter Ulbricht ein Diktator gewesen? …Besonders beeindruckt hat mich diese Kombination aus Fakten und Fiktion, aus Chronik und Literatur, die Ines Geipel hier ausgezeichnet zusamenbringt. Ines Geipel hat die Archive in Cigoli, Moskau und Berlin aufgesucht und die STASI Unterlagen über Beate Matteoli eingesehen.  Sie hat Gespräche in Cigoli und Berlin geführt – Beate Matteoli wohnte zum Schluss in Berlin-Pankow – und hat auf eine sehr gute, sehr nahegehende Art und Weise die tragische Lebens- und Liebesgeschichte von Bea und Ivano nachgezeichnet.
Auf jeden Fall ein hochinteressantes Buch, aktuelles Buch.

Sie können es gerne auch über meinen Buch-Shop käuflich zu erwerben!

Ines Geipel, Tochter des Diktators
Roman
Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-98311-1
ca. 198 Seiten, gebunden
€ 20,00

 

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